Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren


Ein Kommentar

Einsam unter Vögeln

Yoko Ogawa – Der Herr der kleinen Vögel

Um zwei Brüder geht es in diesem Roman. Der ältere von ihnen beginnt mit 11 Jahren, in einer eigenen Sprache zu reden. Die Eltern sind ratlos; bis auf den jüngeren Bruder des Jungen versteht ihn nun niemand mehr, doch das kümmert ihn nicht. Seinem Bruder erklärt er, es handele sich um die Sprache der Vögel und er nimmt ihn mit zu einer Voliere voller Vögel, die auf dem Gelände eines ehemaligen Waisenhauses – das später zum  Kindergarten umfunktioniert wird- steht.

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Mütter, Töchter und immer wieder böse Männer

Lenka Hornáková-Civade – Das weiße Feld

1938 zieht Marie mit ihrer Tochter Magdalena aus Wien in ein gottverlassenes mährisches Dorf. Der Geliebte Maries, ein anerkannter Frauenarzt in Wien, hat die Stadt aufgrund des zunehmenden Antisemitismus überstürzt mit seiner Frau  verlassen. Marie und ihrer Tochter bleibt ein dünner Umschlag mit genug Geld, um sie einige Wochen über Wasser zu halten. Marie verdingt sich fortan als Hebamme des Dorfes. Gequengel der  jungen Tochter, die zurück in die Stadt will, wischt sie energisch beiseite.

Einige Jahre später verdingt Magdalena sich als Dienstmädchen auf einem Gutshof in der Nähe. Den Avancen des Stallburschen Jan, der seine Abende auf Treffen der aufstrebenden Kommunisten verbringt, erwehrt sie sich. Doch als Josef, der Sohn des Gutsherren, aus Wien zu Besuch kommt, wähnt sie sich auf den ersten Blick in dessen blaue Augen verliebt. Nach einem Stelldichein im Stall reist Josef ab, Magdalena bleibt nach der kurzen Begegnung schwanger zurück. Wie ihre Mutter wird auch sie ein uneheliches Kind in die Welt bringen, auch sie wird eine Tochter gebären – Libuce.

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Das Ende einer Kindheit

Aharon Appelfeld – Meine Eltern

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Ihre Sommer verbringen die Eltern des zehnjährigen Erwin gerne mit ihrem Sohn auf dem Land, am Ufer des Flusses Prut. Hier versammeln sich während der Ferien eine Reihe anderer Sommerfrischler; die meisten von ihnen säkularisierte Juden. Erwin verbringt viel Zeit damit, die unterschiedlichen Charaktere zu beobachten. Da ist der einbeinige Alte, der meistens miesepetrig vor sich hinsieht und den anderen ihre Unbekümmertheit und Oberflächlichkeit vorwirft. Oder die kapriziöse P., die zu viel trinkt und auf Männerschau ist. Der Arzt, Dr. Zajger, der sich unermüdlich um die Armen kümmert und für seine Patienten nicht nur viel Schlaf opfert. Oder der Schriftsteller Karl König, der verzweifelt versucht, weitere Kapitel seines Buches zu seiner Zufriedenheit fertigzustellen. Sie alle beobachtet der junge Erwin in diesem Sommer des Jahres 1938 ganz genau. Das gilt auch für seine Eltern, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Die sanfte Mutter hat sich aus ihrer Kindheit in einem streng religiösen Elternhaus einen einfachen Glauben und unerschütterliches Gottvertrauen bewahrt. Der Vater wiederum ist Realist, Zyniker und erklärt täglich, dass die nächste Sommerfrische woanders verbracht werden soll, wo der Sohn auf kultiviertere Menschen trifft.

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