Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren


Ein Kommentar

Aus der Zeit gefallen

Oliver Hilmes – Ludwig II. Der unzeitgemäße König

Ludwig II von Bayern (1845-1886) eilt dank seiner fantastischen Schlossbauten der Ruf eines Märchenkönigs voraus; seine Obsession mit Richard Wagner hat uns die Bayreuther Festspiele beschert und sein nebulöser Tod im Starnberger See inspiriert bis heute immer wieder neue Verschwörungstheorien. Im öffentlichen Bewusststein ist Ludwig II zur Kunstfigur geworden, die mit der historischen Persönlichkeit nicht viel gemein hat. Das wird dem Leser von Hilmes‘ Biographie schnell klar.

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Im Gegensatz zu Autoren früherer Biographien hat Hilmes nicht nur politische Depeschen in Berlin und Wien ausgewertet, sondern sich auch Zugang zum Privatarchiv der Wittelsbacher verschafft. So stützt er sich u.a. auf die Tagebuchaufzeichnungen des menschenscheuen Königs, der auf ärztlichen Rat hin schließlich von seinen Ministern abgesetzt wurde.

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Diesen Mann will ich gar nicht kennen

Carl Frode Tiller – Kennen Sie diesen Mann?

David hat sein Gedächtnis verloren; er weiß nicht mehr, wer er ist. Um ihm dabei zu helfen, sich selbst wieder kennen zu lernen und Erinnerungen wieder zu erlangen, schreiben ihm drei Menschen Briefe. Sein Jugendfreund Jon ist einer der drei; gefolgt von seinem Stiefvater Arvid und seiner Jugendliebe Silja.

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Jeder der drei begreift den Anlass als Chance, über sich selbst zu schreiben. So lernt der Leser deutlich mehr über Jon, Arvid und Silja, als über David selbst, um den die drei Erzählstimmen ihre Kreise ziehen.
Das, was man über David erfährt, bezieht sich vor allem auf den Jugendlichen. Da es sich bei Kennen Sie diesen Mann? um den ersten Band einer Trilogie handelt, werden in den kommenden Bänden wohl Stimmen anderer Weggefährten zu Wort kommen, die David in späteren Jahren begleitet haben. Ganz genau werde ich das auch zukünftig nicht sagen können, denn nach der Qual dieses ersten Bandes werde ich mir die folgenden Bücher mit Sicherheit nicht antun.

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Vergil reloaded

Ursula Le Guin – Lavinia

Einzig erhielt ihm das Haus und die reichen Besitzungen eine Tochter, bereits volljährig, zur Brautschaft reif und zur Ehe.
Freier umwarben sie viel aus Latium und aus dem ganzen Ausonerland; es umwarb sie vor allen der Jünglinge schönster,
Turnus, berühmt durch Ahnen und Urahnherren. Des Königs
Gattin wünscht‘ ihn sich selbst mit besonderer Liebe zum Eidam.
Göttliche Warnung jedoch mit mancherlei Schrecken verwehrt es.

(aus: Vergil; Aeneis)

Vergils Aeneis ist das römische Nationalepos. Zwischen 29 und 19 v. Chr. entstanden, wird darin der Gründungsmythos des römischen Reiches erzählt. Nicht nur werden die Römer darin als direkte Nachfahren der Trojaner dargestellt; Gründung und Aufstieg Roms werden auch als göttlicher Willen geschildert. Aeneas wird als pflichtbewusster Held gezeichnet, der seinen Vater ehrt und den Göttern auch dann gehorcht, wenn er es eigentlich nicht möchte (alles Attribute, die Augustus, dem römischen Kaiser zu Lebzeiten Vergils, auf dessen Drängen hin der Dichter den Epos begann, gut gefallen haben dürften).

Die Aeneis erzählt von der Flucht des Aeneas aus dem brennenden Troja, die ihn nach vielen Irrungen und Wirrungen nach Latium führt, wo seine Nachfahren später zu den Gründern Roms werden sollen. Latinus, der König Latiums, empfängt den Fremden mit offenen Armen. Von ihm ist in dem Zitat oben die Rede. Von ihm und von seiner Tochter – Lavinia. Dieser Lavinia, die Aeneas als Zeichen des guten Willens als Ehefrau übergeben wird, widmet Vergil einige wenige Zeilen in seinem Epos; viel wichtiger sind darin andere Frauen wie Dido, die Königin Karthagos, der Aeneas auf seinem Weg nach Latium begegnet und die sich, als der Trojaner wieder von dannen zieht, umbringt und verbrennen lässt.

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