Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

4 Jahrzehnte deutscher Geschichte

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Niklas Maak – Fahrtenbuch. Roman eines  Autos

Auf einem Schrottplatz steht das Wrack eines Mercedes 350 SL, Baujahr 1971, mit mehr als 350.000 Kilometern auf dem Tacho. Im Fahrzeugbrief, den der namenlose Erzähler im Handschuhfach findet, eine Liste mit Namen der alten Autobesitzer. Neugierig macht er sich auf die Suche nach den Leuten, die den Wagen in den vergangenen Jahrzehnten gefahren haben.

So wie die Scheinwerfer eines fahrenden Autos eine Szene streifen, sie flüchtig ausleuchten und dann weiter ziehen, so nimmt Maak Augenblicke verschiedenster Leben unter die Lupe, bevor er sie beiseite legt und eine neue Geschichte mit frischen Charakteren hervorzaubert, von denen hier nur einige Erwähnung finden.

1971 fährt ein Arzt den Neuwagen. Während er und seine Frau sich zunehmend fremd werden, kommt er einer amerikanischen Kollegin näher, die übergangsweise in seinem Krankenhaus arbeitet. Mit dem Mercedes fahren die beiden spontan an den Strand. 1980 ist der Mercedes Zweitwagen eines erfolgreichen Gastronomen aus München, der sich weigert, Schutzgeld zu zahlen und sich plötzlich in einer heiklen Situation befindet. 1990 fährt der verwöhnte Sohn einer Hamburger Patrizierfamilie in dem Mercedes zu seiner großen Liebe in den ehemaligen Osten. 2008, als die Märkte Purzelbäume schlagen, erlebt der Investmentbanker, der sich den Mercedes gekauft hat um seiner Frau eins auszuwischen, fassungslos, wie sein Leben entgleist.

Das Fahrtenbuch des Mercedes reflektiert vier Jahrzehnte deutscher Geschichte und bietet ein generationenübergreifendes Panorama der deutschen Gesellschaft. Es vereint den erfolgreichen Chirurgen aus den Siebzigern mit dem zunächst glücklosen Geschäftsmann, der mit dem Mercedes nach Ostberlin fährt, dort seine künftige Frau kennenlernt und versucht, sie in den Westen zu schmuggeln. Nachdem die Mauer fällt, erfüllt sich ein ehemaliger Vorarbeiter mit dem Mercedesstern einen alten Traum während er Zeuge werden muss, wie die versprochenen blühenden Landschaften ausbleiben, nachdem die neuen Mitbürger heuschreckenartig eingefallen sind. Berliner Hipster cruisen mit dem Wagen durch ihre Stadt, immer der Szene hinterher auf der Suche nach dem neuesten Kick.

Maak passt seinen Erzählstil jeder Episode an, mal blitzt feine – und weniger feine – Ironie auf, manchmal ist man sich des Erzählers sehr bewusst und dann wiederum verschwindet er beinahe völlig. Manche Episoden sind richtige Kurzgeschichten, andere kommen deutlich fragmentierter daher, eine wirkt beinahe reportagenhaft. Das hält den Leser bei der Stange und so stört es gar nicht, dass die Episoden tatsächlich nur durch dieses Ding, dieses Auto, miteinander verbunden scheinen. Keine Episode wirkt deutlich schwächer als die anderen, sie alle fesseln den Leser, sie allen ziehen ihn weiter durch das Buch hindurch bis zum Schrottplatz und wenn man als Leser zuguterletzt wieder gemeinsam mit dem Erzähler auf das Autowrack zu blicken scheint, sieht man tatsächlich so viel mehr als nur ein Auto.


Was steht daneben im Regal? „The King is Dead“ von Jim Lewis.

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