Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

Neue Welten in Trümmerhaufen

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 Delphine Minoui – Die geheime Bibliothek von Daraya

Daraya, eine Vorstadt von Damaskus, wurde beinahe vier Jahre lang durch das Assad-Regime vom Rest der Welt abgeschnitten. Systematisch wurden die verbliebenen Bewohner ausgehungert und – mit nur kurzen Unterbrechungen – beinahe konstant mit allem bombardiert, was einem so in den Sinn kommen mag. 4.000 Bewohner harrten ganz zum Schluss noch aus in dieser Stadt, bis sie im August 2016 nach zähen Verhandlungen mit russischen und syrischen Militärs evakuiert wurden. Dabei wurden sie vor die Wahl gestellt, ob sie in die Stadt Idlib im Rebellengebiet oder in ein Internierungslager bei Damaskus gebracht werden wollten.

Ein knappes Jahr vor der Evakuierung, im Oktober 2015, gelingt es der französisch-iranischen Journalistin Delphine Minoui, Kontakt zu einer Gruppe junger Männer in der eingekesselten und ausgehungerten Stadt aufzunehmen. Auslöser ist ein Foto, das die Journalistin kurz zuvor zufällig auf Facebook entdeckt hat: Aus den Trümmerhaufen der zerstörten Stadt ziehen einige Männer Bücher. Die Rede ist von einer geheimen Bibliothek im Untergrund. Minoui beginnt, zu ermitteln.

Oft spricht sie mit Ahmad, mit dem sie am 15. Oktober 2015 zum ersten Mal per Skype Kontakt aufnimmt. Ihr Gesprächspartner ist 23, ehemaliger Student des Bauingenieurwesens an der Universität von Damaskus und als ihn einige Freunde eines Tages zu einem zerstörten Haus rufen, aus dessen Überresten sie Bücher ausgraben wollen, ist er zunächst skeptisch. Bis zu diesem Tag ist er kein großer Leser gewesen und tatsächlich verbindet er mit Büchern primär vom Regime verabschiedete Lügen und Propaganda. Doch viele der Bücher, die sie finden, sind nicht Teil des Assad-Kanons. Innerhalb eines Monats haben sie mehr als 15.000 Bücher beisammen, sie flicken die teils beschädigten Seiten, tragen in jedes Buch den Namen des Vorbesitzers ein, um die Bücher nach Kriegsende zurückgeben zu können, und sie richten eine unterirdische Bibliothek ein, die allen Bewohnern Darayas offen steht.

Bei einem späteren Gespräch erscheint Ahmad mit einem seiner Freunde auf dem Bildschirm. „Die Bücher sind unser Weg, die verlorene Zeit aufzuholen und die Unwissenheit für immer zu vertreiben“, sagt der an einem Punkt. In weiteren Skype-Telefonaten lernt Minoui einige Dutzend der Leser kennen, die sich inzwischen regelmäßig in der Bibliothek einfinden:

In den darauffolgenden Tagen erscheinen Dutzende Leser auf meinem Bildschirm […] Stundenlang reden sie über die Liebesgedichte Nizar Qabbanis und die Schriften des syrischen Theologen Ibn Qayyim. Sie teilen mit mir ihre neu erwachte Liebe zu den Dramen Shakespeares und Molières. Zu den Romanen von Marcel Proust und denen des Südafrikaners J. M. Coetzee. Zu Kinderreimen. In zärtlichen Worten sprechen sie von Saint-Exupérys Kleinem Prinzen.

Die geheime Bibliothek von Daraya ist ein emotionales Buch, das auch den Leser nach wenigen Seiten emotionalisiert. Und doch ist Delphine Minoui in einem Punkt sehr sachlich und klar: Immer wieder wird den Einwohnern und Kämpfern von Daraya durch Assads Propaganda-Maschinerie unterstellt, sie seien Islamisten, die einen Gottesstaat errichten wollen. Dieser Vorwurf beschäftigt Minoui und sie tut ihr Möglichstes, um diesen Vorwürfen auf den Grund zu gehen obwohl sie nicht direkt vor Ort recherchieren kann. Ihre Schlussfolgerungen sind logisch und heben sich deutlich von ihrem ansonsten hochemotionalen Schreibstil ab.

Dieses Buch zelebriert die Kraft von Büchern. Während Daraya zum „Experimentierfeld der Grausamkeiten“ verkommt und einem wahren Urbizid zum Opfer fällt, bietet die geheime Bibliothek ihren Einwohnern eine Zufluchtstätte. Dabei versinken sie nicht nur in literarischen Werken, sondern entdecken ganz neue Staatstheorien, diskutieren Abhandlungen über Demokratie und Religion und formen Ideen und Vorstellungen, zu denen ihnen vor dem Krieg jeglicher Zugang versperrt war. So erhebend diese Erkenntnis wirken mag, bleibt der Leser nach der Lektüre dieses Buches vor allem mit der Frage zurück, wie ein Despot auf diese Art und Weise Krieg gegen sein eigenes Volk führen kann, während die Weltöffentlichkeit de facto tatenlos zusieht.


Für mehr zur Lage in Daraya und der Evakuierung, siehe „Der Hölle entkommen“ von Christoph Reuter auf Spiegel Online (Klick auf Link öffnet den Artikel).

Noch mehr: Ein Interview mit der Autorin Delphine Minoui in englischer Sprache, das sie im Juli 2018 mit France24 geführt hat.

 

Ich danke literaturtest.de für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

 

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