Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

Zerstörtes Idyll

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Celeste Ng – Little Fires Everywhere (Kleine Feuer überall)

Shaker Heights ist ein wohlhabender und idyllischer Vorort von Cleveland. Diese Idylle ist akribisch geplant und wird rigoros bewahrt: Die Straßenführung harmonisiert mit den geschwungenen Linien der Vorgärten, Hausbesitzer dürfen aus einer streng festgelegten Farbpalette auswählen, wenn sie ihre Häuser streichen wollen. Die Schulen sind sehr gut, die Kinder aus Shaker Heights sind „Tomorrow’s Leaders“, sie verlassen den Vorort um an den besten Universitäten des Landes zu studieren. Viele kehren später zurück, um ihre eigenen Kinder in Shaker Heights großzuziehen.

Eine der führenden Personen der Shaker Heights Gesellschaft ist Elena Richardson. Sie lebt in dritter Generation in dem Vorort, hat ihren Traum einer ernsthaften Journalismuskarriere aufgegeben und schreibt stattdessen für das Nachbarschafts-Käseblättchen. Vor allem kümmert sie sich um ihre vier Kinder.

Als Mia Warren, alleinerziehende Mutter und Künstlerin, mit ihrer Tochter Pearl in die Nachbarschaft zieht, ist Elena fasziniert von  dieser Frau, die im Gegensatz zu ihr nur ihren eigenen Regeln folgt und dabei so zufrieden zu sein scheint. Dass Mia ein Geheimnis hütet, findet Elena erst sehr viel später heraus. Ganz nebenbei geht das Leben weiter und so harmonisch und beschaulich, wie es an der Oberfläche schein, ist der Alltag selbst in Shaker Heights nicht…

Celeste Ng beginnt ihren Roman mit einem großen Knall und drosselt dann auf einmal das Tempo. Gleich zu Beginn des Buches nämlich brennt das Haus der Richardsons beinahe bis auf die Grundmauern nieder. Die jüngste Tochter ist verschwunden, die anderen drei Kinder rätseln, ob sie das Feuer  gelegt hat. Und dann nimmt Ng den Leser an der Hand und tritt drei Schritte zurück. Beschreibt ganz in Ruhe Shaker Heights, stellt die Richardsons vor und beginnt ihre Geschichte dann von vorne – Monate vor dem großen Brand. Das tut sie auf eine unaufgeregte Weise und doch lässt sich das Buch an keiner Stelle leicht beiseite legen. Das Feuer schwelt die ganze Zeit im Hinterkopf und wenn mir jemand sagen würde, dass ich die ganze Zeit während der Lektüre des Buches nägelkauend auf der Sesselkante gesessen habe, dann würde ich es glauben. Ob dem so war, weiß ich selbst nicht mehr, so sehr habe ich mich in diesem Roman verloren.

In Little Fires Everywhere findet sich kein einziges überflüssiges Wort, keine Szene, die übermäßig ausgeschmückt wäre, keine Person, die keine wichtige Rolle spielen würde. Und doch rollt Celeste Ng vor dem Leser einen kompletten Kosmos aus – eine Welt mit vollkommenen Figuren, von denen einige immer penetranter an den Rändern ihrer Existenz kratzen. Man hat einen  Heidenspaß dabei, ihnen dabei zuzusehen.


Was steht daneben im Regal? „Schwimmen mit Elefanten“ von Yoko Ogawa.

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