Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

„Jetzt präsentierte der Teufel die Rechnung“ Weltkriegs-Literatur

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Heute vor 100 Jahren, am 11. November 1918, beendete der Waffenstillstand von Compiègne den Ersten Weltkrieg. Aus diesem Anlass stelle ich im Folgenden Literatur vor, die die Schrecken dieses Krieges derart eindrücklich schildert, dass man sich fragen muss, wie es sein konnte, dass dieser Krieg nicht „the war to end all wars“, das Ende aller Kriege, war.

„They wrote in the old days that it is sweet and fitting to die for one’s country. But in modern war there is nothing sweet nor fitting in your dying. You will die like a dog for no good reason.“ (Aus: Ernest Hemingway, „Notes on the Next War“)

Kurz nach Abschluss der High School verdingt sich Ernest Hemingway als Fahrer beim Roten Kreuz in Europa. Im Mai 1918 kommt er in Paris an während die Stadt unter Beschuss der Deutschen steht.

Hemingway_1918_Mailand

Hemingway 1918 in Mailand (John F. Kennedy Presidential Library; The Ernest Hemingway Collection)

Einige Wochen später wird er nach Italien versetzt, wo er kurz vor seinem 19. Geburtstag verwundet wird. In einem Brief nach Hause schreibt er: “When you go to war as a boy you have a great illusion of immortality. Other people get killed; not you… Then when you are badly wounded the first time you lose that illusion and you know it can happen to you.” („Wenn du als Junge in den Krieg ziehst, gibst du dich der Illusion von Unsterblichkeit hin. Andere Leute sterben; nicht du… Wenn du dann zum ersten Mal schwer verletzt bist, kommt dir diese Illusion abhanden und du weißt, dass es dir auch passieren kann.“)

Ernest Hemingways Auseinandersetzung mit Krieg im Allgemeinen und den beiden Weltkriegen im Besonderen ist hinlänglich bekannt. Auch den Zweiten Weltkrieg erlebt er hautnah mit, sendet als Kriegsreporter seine Beobachtungen in die USA. Sowohl in seinen Romanen als auch den Kurzgeschichten befasst er sich kritisch mit dem Thema Krieg.

Er kritisiert vor allem die Romantisierung eines kriegerischen Heldentums, die mit der Realität auf den Schlachtfeldern und in den Schützengräben nichts gemein hat. Hemingway mag eine der bekanntesten Stimmen in dieser Hinsicht sein, aber tatsächlich ist er nur Teil einer literarischen Bewegung, die durch den ersten Weltkrieg ausgelöst wird. So schreibt die amerikanische Literaturkritikerin Gail Caldwell: “Hemingway was at the crest of a wave of modernists that were rebelling against the excesses and hypocrisy of Victorian prose. The First World War is the watershed event that changes world literature“ („Hemingway stand an der Spitze einer Welle von Modernisten, die gegen die Ausschweifungen und die Scheinheiligkeit viktorianischer Prosa rebellierten. Der erste Weltkrieg ist der Auslöser, der die Weltliteratur verändert“; zitiert von Hall).

Hemingway beschreibt nicht nur die Schrecken des Schlachtfeldes, sondern auch den Schock, den die Rückkehr nach Hause in Heimkehrern und Daheimgebliebenen auslöst (s. bspw. Soldier’s Home und Big Two-Hearted River).

 

Auch europäische Schriftsteller befassen sich hiermit – in Deutschland beispielsweise kehrt Jakob Wassermanns Protagonist Faber zu einer Familie heim, die ohne ihn zu einer anderen geworden ist: Die Frau hat sich emanzipiert; die einzelnen Mitglieder der Familie sind sich fremd geworden.

In Frankreich befindet Pierre Drieu La Rochelle: „Der Krieg ist niemals rein gewesen“. In seinen Novellen erkundet er die Irrsinnigkeit des Krieges und vor allem auch die Naivität, mit der junge Männer auf beiden Seiten in die Schlacht gepeitscht werden. Haften bleibt vor allem die beschriebene Fassungslosigkeit von Generälen, die sehen, dass eine Kavallerie in einem Krieg des 20. Jahrhunderts ausgedient hat: „Als der Mensch die ersten Maschinen erfand, hat er seine Seele dem Teufel verkauft, und jetzt präsentierte der Teufel die Rechnung“ (Mehr zu La Rochelle und seinem Werk hier).

Auch in den Werken von Schriftstellerinnen auf beiden Seiten des Atlantiks hat der Erste Weltkrieg seine Spuren hinterlassen. Darunter finden sich viele Britinnen, die von den Frauen erzählen, die das Land – und vor allem London – „am Laufen halten“.noncombatants Zu diesen Werken zählt Non-Combatants and Others von Rose Macaulay, das 1916 veröffentlicht wurde. Diese „Nicht-Kämpfer“ sind Frauen, aber auch Männer, die sich entweder bewusst gegen den Kampf entschieden haben, oder diesen aus körperlichen Gründen nicht führen können – so zum Beispiel Tommy, mit seinem Asthma oder auch Oliver mit seinen Herzproblemen. Dann ist da Sid, der sich weigert, der Armee beizutreten, weil er die Mutter nicht alleine lassen kann. Macaulay verdeutlicht mit leichter Ironie, dass dies eigentlich ein vorgeschobener Grund ist, was vor allem klar wird, als Sid dann doch beitritt, bevor die Wehrpflicht eingeführt wird. Im Gegensatz zu vielen ihrer Zeitgenossen, verurteilt Macaulay diese Einstellung nicht; vielmehr schwingt in dem Roman Verständnis dafür mit, dass man sich nicht begeistert in einen schier aussichtslosen Kampf stürzen will, aus dem man mit großer Wahrscheinlichkeit nicht lebend (mit absoluter Wahrscheinlichkeit nicht unbeschadet) zurückkehren wird.

Bei Ausbruch des Krieges ist Macaulay voller Begeisterung für den Krieg. Sie beneidet den Bruder darum, dass er an die Front ziehen darf. Doch sie ändert ihre Meinung, als sie erlebt, was der Krieg mit denjenigen macht, die ihr nahestehen und die ihn aus erster Hand miterleben. Dieser Sinneswandel prägt Non-Combatants and Others, in dem nicht nur die schrecklichen Folgen eines Krieges thematisiert werden, sondern auch blinder Patriotismus und grassierende Xenophobie kritisch seziert werden. Einen kurzweiligen und interessanten Beitrag zu diesem eindringlichen Werk und der Autorin hat die BBC vor einigen Jahren veröffentlicht (kann hier gehört werden).

Am Ende des Buches engagiert sich die Protagonistin Alix Sandomir in der Friedensbewegung. Macaulay hat es ihr im echten Leben gleichgetan: Nach Ende des ersten Weltkrieges unterstützt sie begeistert die Arbeit der League of Nations Union, eine britische Organisation, die sich – basierend auf den Idealen der League of Nations – zum Ziel gesetzt hat, internationales Recht, kollektive Sicherheit und anhaltenden Frieden zu fördern. Als Macaulay in den 1920er Jahren großen Erfolg mit ihren Romanen hat, nutzt sie ihre Bekanntheit und spricht oft und offen über ihren überzeugten Pazifismus, der bis zu ihrem Tod im Oktober 1958 alle weiteren Werke der Schriftstellerin prägt.

Wenn man sich umschaut und umhört in der heutigen Zeit, scheinen einige immer noch nicht begriffen zu haben, was Macaulay ebenso verstand wie Hemingway und Wassermann. Umso wichtiger ist es, sich ihre Erkenntnisse nicht nur heute sondern stets vor Augen zu halten. Wie schrieb Tucholsky 1919? „Krieg dem Kriege! – Und Frieden auf Erden.“


Quellen:

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