Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

Ein perfekt austariertes Gericht

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Marie NDiaye – Die Chefin. Roman einer Köchin

Wie wird man eigentlich zum Koch? Was bewegt wahre Kulinarikkünstler, wie werden sie zu dem, was sie sind, welche Empfindungen wollen sie mit ihren Kreationen erwecken? Solchen Fragen geht Marie NDiaye in ihrem neuen Roman Die Chefin nach.

Die Köchin, um die es hier geht, wird in ärmliche Verhältnisse hineingeboren. Sie ist eines von vielen Kindern und immer wieder unterbricht sie ihre Schulausbildung um den Eltern beim Geldverdienen zu helfen. Mit 14 bricht sie die Schule vollends ab und verdingt sich als Dienstmädchen bei den Clapeaus. Dort erlebt sie, wie die Köchin ihre neuen Arbeitgeber – begeisterte Esser – völlig in der Hand hat. Und das, obwohl sie weder Freude am Kochen noch überbordendes Talent dafür hat. Jeden Abend geht das Mädchen ins Bett und denkt über die Mahlzeiten des Tages nach und darüber, wie sie geschmeckt haben und was man hätte besser machen können.

Als die Clapeaus eines Tages in ihr Sommerhaus aufbrechen und die Köchin aus familiären Gründen nicht mitkommen kann, wenden sie sich an ihr Dienstmädchen: Ob sie für die Dauer des Sommers nicht kochen könnte? Und als die nun fast Sechzehnjährige zum ersten Mal in der Küche steht und dort schaltet und waltet, entdeckt sie ein bis dato verborgenes Talent. Ihre Kochkünste schlagen die Clapeaus in ihren Bann und so wird sie nicht nur für die Dauer des Sommers zur Köchin. Später wird sie ein eigenes Restaurant eröffnen und für ihre kompromisslose Küche einen Stern erhalten:

„So bot sie mit der Zeit eine extrem ausgefeilte Küche an, höchst raffiniert in ihrer Präsentation, in ihren Gar- und Zubereitungsmethoden, die eben zum Ziel hatten, jede Erinnerung an Mühe, Zwang, Zeitaufwand zu tilgen, eine Küche, die dabei so gut wie jeder genießen konnte, ohne irgendetwas darüber zu wissen, ohne etwas anderes von ihr zu erwarten als Sättigung.“

Erzählt wird diese Geschichte von einem langjährigen Mitarbeiter der Köchin, der viele Jahre jünger ist als sie und ihr in vergeblicher Liebe verbunden ist. Die Erzählstimme ist meisterhaft von NDiaye gewählt – der Mann führt ein Gespräch mit dem Leser, antwortet auf stumme Fragen, schiebt andere beiseite, lässt Belangloses über das Leben der Chefin ebenso einfließen wie Überlegungen zu ihren Gedanken, Gefühlen und ihrer Motivation. Schnell wird er zu einem vertrauten Gesprächspartner, dessen Liebe für die Chefin sich in seiner Darstellung ihrer Person niederschlägt, sodass man als Leser gar nicht anders kann, als von dieser Frau ebenfalls fasziniert zu sein. Er spricht dabei über Privates – an der Tochter der Köchin lässt er beispielsweise kein gutes Haar – ebenso wie über die Kreationen seiner Chefin:

„Und die Herrlichkeit, die sie in aller Demut auf einem  Teller komponierte, blieb, so habe ich immer gedacht, in den Träumen gerade derer hängen, die nicht einmal wussten, dass sie sie bemerkt hatten, und öffnete ihre Seele für Harmonien einer anderen Ordnung, es war ein Mehr an Wahrnehmung und Sensibilität, und die Chefin wusste nichts davon, konnte nichts davon wissen und durfte es keinen Moment lang ahnen, ein Wunder durchfuhr sie unerkannt, sie durfte nichts wissen, nichts verstehen.“

Weder die Chefin noch der Erzähler lassen den Leser wieder los. Am Ende des Romans erliegt man dem Gefühl, dass man so gerne noch viel mehr wüsste und viel länger mit dem inzwischen vertraut gewordenen Mann sowohl über die Chefin als auch über sein eigenes Leben plaudern möchte. Und das, obwohl man zugleich doch weiß, dass genau so viel gesagt wurde wie gesagt werden sollte und jedes zusätzliche Wort dieses perfekt austarierte Gericht, das dieser Roman ist, aus der Balance brächte.

Ich danke dem Suhrkamp Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares.


Wer nach diesem Roman Lust auf noch mehr Küchenwahnsinn hat, der ist übrigens mit der Serie „Chef’s Table“ gut beraten. In der Doku-Serie porträtiert Netflix besondere Köche aus der ganzen Welt. Dabei läuft einem als Zuschauer nicht nur bei den umwerfend schön gefilmten Gerichten das Wasser im Munde zusammen, man lernt auch Küche, Land und Leute aus der ganzen Welt (noch einmal ganz neu) kennen…

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