Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

Brückenbauer in stürmischen Zeiten

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Seit 2017 gilt der 30. September, an dem traditionell dem Bibelübersetzer Hieronymus gedacht wurde, als „Internationaler Übersetzertag“, oder, wie es in der dazugehörigen UN Resolution 71/288 heißt, „International Translation Day“. Die Vereinten Nationen haben ihren Beschluss, Übersetzern einen eigenen Tag zu widmen letztes Jahr u. a. damit begründet, dass Übersetzern eine so wesentliche Rolle dabei zukommt, Dialog über Grenzen hinweg zu ermöglichen und so Nationen zusammenzubringen und zu Entwicklung und Frieden beizutragen.

„The celebration is meant as an opportunity to pay tribute to the work of language professionals, which plays an important role in bringing nations together, facilitating dialogue, understanding and cooperation, contributing to development and strengthening world peace and security. “ (Quelle: „International Translation Day“)

Das gilt auch und ganz besonders für Übersetzer von literarischen Werken. Natürlich gibt es großartige deutschsprachige Literatur und wer es sich zutraut, liest Bücher auch in einer Fremdsprache, in der man sich sicher genug fühlt. Doch in der Regel beherrschen wir eine, vielleicht zwei, Fremdsprachen wirklich gut genug, um damit Literatur genießen zu können und sprachliche Nuancen zu erkennen und zu verstehen. Oft ist es doch auch so, dass wir nicht nur die Sprache kennen, sondern dann auch mit dem entsprechenden Kulturraum vertraut sind. Wenn wir also Bücher im Original in den uns geläufigen Sprachen lesen, setzen wir uns meistens mit einer Kultur auseinander, die wir schon kennen. Auch das ist zweifelsohne eine wichtige Sache, aber es heißt eben auch, dass wir uns Grenzen auferlegen. Wir bewegen uns durch Täler, die uns im Großen und Ganzen bekannt sind, entdecken mal hier eine neue Ecke und da einen schönen Platz. Doch erst wenn wir dank Übersetzern in Literatur aus der ganzen Welt eintauchen können, verlassen wir die vertrauten Täler, besteigen die umliegenden Berge und genießen eine umwerfende Aussicht.

Übersetzer öffnen uns Lesern die Welt. Sie reißen Grenzen ein, bauen Brücken und bieten uns Eindrücke, die uns ohne sie verschlossen blieben.

So hat mich vor kurzem beispielsweise Eine Liebe im Kaukasus von Alissa Ganijewa an einen mir bis dahin völlig fremden Ort getragen. Möglich gemacht hat das die Übersetzerin Christiane Körner. Dank der Übersetzerin Ruth Achlama konnte ich in Ayelet Gundar-Goshens Roman Eine Nacht, Markowitz eine unbekannte Epoche erleben und die Fabulierlust der Autorin genießen, die eine Welt geschaffen hat, in der Engel (mit menschlichen Schwächen) unter Menschen wandeln.

Weil es nötig erscheint in der heutigen Zeit, sei zum Schluss dieses Beitrags noch auf eine kluge Rede des Autors und Übersetzers Martin Pollack verwiesen, die dieser letzten Sommer anlässlich der Verleihung des Österreichischen Staatspreises für Übersetzung gehalten hat. In der inzwischen auch als Essay veröffentlichen Festrede stellt Pollack fest: „Übersetzer treten stets für den Dialog ein, für das Gespräch anstelle der Konfrontation, für das befruchtende Miteinander anstelle der Abgrenzung und Isolierung.“ Er prangert an, dass sich in Europa „eine Ablehnungskultur“ ausbreite und er ruft dazu auf, dass sich Übersetzer in Zeiten des zunehmenden Rechtspopulismus für den Bau von Brücken stark machen sollen:

„Ich bin allerdings der Ansicht, dass Übersetzer in ihrer Funktion als Brückenbauer und Vermittler zwischen den Kulturen sehr wohl das Recht haben, sich in politischen Fragen zu Wort zu melden, vor allem, wenn es um ihre Grundkompetenz geht, nämlich um die Begegnung mit dem Anderen und den Umgang mit der Sprache in diesem Zusammenhang.“ (Quelle: Pollack, Martin. „In Europa macht sich eine Ablehnungskultur breit.“ Der Standard, 14.7.2018)

In diesem Sinne: Happy International Translation Day!

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