Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

Eine unglückliche Liebe

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Irène Némirovsky – Das Mißverständnis

„Yves Harteloup war 1890 geboren worden, mitten in der Umbruchszeit zwischen zwei Jahrhunderten, hinein ins Fin de siècle einer gesegneten Epoche, in der es in Paris noch immer Männer gab, die nichts taten, in der man mit Eifer niederträchtig und voller Hochmut boshaft sein konnte, in der das Leben für die Mehrzahl der Menschen beschränkt und friedlich war wie ein Bach, dessen Quelle und weiteren Verlauf bis hin zur Mündung man immer ungefähr voraussehen konnte.“

Nach dem Ersten Weltkrieg ist für Yves nichts mehr, wie es war. Das Familienvermögen ist dahin, sodass sich der Sohn reicher Eltern gezwungen sieht, einem Broterwerb nachzugehen und sparsam zu leben. Um ein neues Vermögen aufzubauen, fehlen ihm sowohl der Biss als auch die nötigen Instinkte. Aber auch menschlich hat Yves eine Wandlung durchlaufen – als er von den Schlachtfeldern zurückkehrt, ist er müde und diese Müdigkeit lässt sich auch in kommenden Jahren nicht abschütteln. Yves hat „alle menschlichen Schrecken […], alles Elend, alle Ängste“ gesehen, sein Angestellendasein widert ihn an und er spart das ganze Jahr auf den Sommer hin. Dann gönnt er sich einige Wochen Urlaub an der Küste, im selben Ort, in dem er als Kind sorgenfreie Sommer verlebt hat.

Der Ort hat sich ebenso verändert wie Yves, doch er zwingt sich, seinen Aufenthalt zu genießen. Durch einen Zufall lernt er Denise kennen, die Frau eines Kriegskameraden, die mit ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter ebenfalls Urlaub macht. Nach einiger Zeit beginnen Yves und Denise eine Affäre, die sie auch nach dem Sommer zurück in Paris weiterführen.

Diese Monate sind für beide eine Qual. Denise stammt aus reichem Elternhaus und hat reich geheiratet; die materiellen Entbehrungen, die Yves auf sich nehmen muss um zumindest zeitweise wieder in altem Luxus zu schwelgen, sind ihr fremd. Dass ihr Geliebter einem „Nine to Five“-Job nachgehen muss, empfindet sie als befremdlich. Doch viel problematischer ist die Tatsache, dass Denise mit Haut und Haaren liebt, dass sie sich danach sehnt, dass diese Liebe rein und besonders ist und dass sie ewig halten soll. Yves, der zwar keine langfristigen körperlichen Schäden vom Krieg davongetragen hat, dessen Seele jedoch vollkommen versehrt ist, kann diese Liebe nicht fühlen. Dafür hat ihn der Krieg zu müde und zu zynisch werden lassen. Die großen Gefühle, die Denise so offensichtlich für ihn hegt, setzen ihn unter Druck und so fühlen sich beide miserabel.

Das Mißverständnis ist Némirovskys Debütroman, den sie mit 23 Jahren schrieb. Ihre späteren Werke sind teilweise etwas runder, etwas geschliffener, doch selbst in ihrem Erstlingswerk besticht sie durch scharfe Beobachtungen, wunderschöne Formulierungen und unverhohlene Kriegskritik.


Was steht daneben im Regal? Ladivine“ von Marie NDiaye

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