Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

Korruption und Tradition

Hinterlasse einen Kommentar

Alissa Ganijewa – Eine Liebe im Kaukasus

Marat und Patja stammen beide aus Dagestan am Kaspischen Meer. Beide leben in Moskau (Marat als aufsteigender Anwalt, Patja absolviert dort ein Praktikum), doch so fern ihnen dort die Gepflogenheiten der Heimat auch erscheinen mögen, können sie ihnen doch nicht entkommen.

Patja hat es besonders schwer – sie gilt mit ihren 25 Jahren fast schon als alte Frau und die Mutter macht sich Sorgen, dass die Tochter bald keinen Mann mehr finden wird. Dass der großkotzige Timur, der sich politisch engagiert und sich selbst als tollen Hecht begreift, nach einem kurzen Mailwechsel großes Interesse an Patja hat, kommt der Mutter gerade recht. Doch Patja ist nicht überzeugt von dem Mann, der ihr bald aggressiv den Hof macht – politische Ansichten und Lebensentwürfe der beiden scheinen unvereinbar.

Als Marat aus Moskau in die Provinz zurückkehrt, hat er eigentlich nur seinen aktuellen Fall im Kopf (die Verteidigung eines Menschenrechtsaktivisten in Moskau), doch seine Eltern stellen ihm ein Ultimatum: Der Hochzeitssaal ist bereits für viel Geld gebucht worden, eine Reihe potentieller Heiratskandidatinnen ist vorbereitet. Während die Mutter den Sohn durch die Siedlung schleift, ist er von den Zuständen geschockt. Die Gemeinschaft spaltet sich auf – einige folgen einem radikalen Prediger, der seit einiger Zeit im Ort ist, während die anderen sich nur mäßig für Religion interessieren und am liebsten in Ruhe ihr Leben leben wollen. Aber wenn es um Atheisten geht, scheinen sich beide Lager einig zu sein. Das bekommt Russik zu spüren, ein alter Schulfreund Marats, der sich nicht nur offen zu seinem fehlenden Glauben bekennt, sondern auch mit anderen Eigenheiten aneckt (wer tanzt schon ungestraft Tango in der Provinz, wo auch immer sie sein mag…).

In dieser aufgeheizten Situation, in der Moskau so weit zu sein scheint wie der Mond, lernen sich Patja und Marat zufällig kennen. Keine der beiden Mütter hat die jungen Leute für einander auserkoren – man verkehrt in verschiedenen Kreisen und pflegt unterschiedliche Loyalitäten. Die Begeisterung, als sich die beiden ineinander verlieben, hält sich daher in Grenzen. Wenn nur der Hochzeitssaal nicht schon gebucht und bezahlt wäre…

Alissa Ganijewa berichtet abwechselnd von Patja (die in ihren Kapiteln als Ich-Erzählerin fungiert) und Marat. Sie erkundet mit beiden Protagonisten nicht nur verschiedene Milieus, sondern schafft so auch einen deutlichen Kontrast zwischen den Leben von Frau und Mann. Abgesehen vom elterlichen Druck, bald zu heiraten, könnten die Sphären, in denen sich Patja und Marat bewegen, unterschiedlicher kaum sein. Zugleich lenkt sie den Blick auf eine Welt, die trotz Handys und anderem technischen Schnickschnack aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Doch Korruption und religiöser Terror bedrohen die regionalen Konventionen.

Die 1985 geborene Alissa Ganijewa wuchs selbst in Dagestan auf und lebt seit 2003 in Moskau. Sie kennt also beide Welten ganz genau und sicherlich ist das auch ein Grund, warum sie scheinbar mühelos und nebenbei eine zerrissene, geschundene Region in ihrem Roman unterbringen kann, die Teil eines Landes ist, mit dem sie nichts verbinden zu scheint (nirgendwo wird das deutlicher als gleich zu Beginn des Romans, als Patjas Kollegin Marina sie Bekannten mit den Worten vorstellt „Bei ihr im Land sind sie, wie heißt das noch, muslimischen Glaubens“ und Patjas Erzählstimme bemerkt, „Marina konnte sich einfach nicht merken, dass ich überhaupt keine Ausländerin bin.“). Es ist eine beeindruckende Leistung, dass Ganijewa das ebenso unaufgeregt im Roman unterbringen kann wie den Konflikt zwischen gemäßigten Muslimen und radikalen Islamisten in der Region. Wer sich zu diesem Thema weiter informieren möchte, dem sei dieses Skript vom Deutschlandfunk ans Herz gelegt.


Was steht daneben im Regal? The Signature of All Things“ von Elizabeth Gilbert.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.