Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

Statt eines Nachrufs: Philip Roth in his words

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Der U.S.-Schriftsteller Philip Roth ist gestern im Alter von 85 Jahren gestorben und in den Feuilletons wimmelt es von Nachrufen, die Roth eine ganze Reihe an Titeln zuweisen:

Als „existenziellen Provokateur“ bezeichnet ihn beispielsweise Rainer Moritz auf Zeit Online. Bewundernd stellt Moritz fest, „kaum einem anderen Autor sind derart viele Meisterwerke gelungen wie Philip Roth“. Roth habe mit Werken wie Portnoys Beschwerden „das sexuelle Repertoire der Weltliteratur entscheidend“ bereichert.

Andreas Platthaus von der Frankfurter Allgemeinen sieht in Roth einen „Riese[n] unter den Großen“ und erinnert an das gefeierte Debüt von Roth, der im Alter von 25 Jahren 1958 in der Paris Review den Kurzroman Goodbye, Columbus veröffentlicht. Auch hier, wie in so vielen Werken Roths, spielt die Handlung in Newark, New Jersey.

Für die U.S.-Vogue beweint Bridget Read den „Giant of the American Novel“ und spricht auf Nathan  Zuckermann an, ein literarisches Alter Ego von Roth, der in einer Reihe seiner Werke auftaucht. Zuckermann tritt beispielsweise in dem 1960 erschienenen Roman American Pastoral („Amerikaniches Idyll“) ebenso in Erscheinung wie in The Counterlife („Gegenleben“) von 1986, dem 1993 veröffentlichten Operation Shylock („Operation Shylock“) und The Human Stain („Der menschliche Makel“), das 2000 erschien und 2003 mit Anthony Hopkins und Nicole Kidman verfilmt wurde.

In der New York Times erinnert Charles McGrath an Roth als „the prolific, protean, and often blackly comic novelist who was a preeminent figure in 20th-century literature“. McGrath erwähnt unter anderem eine Sucht nach verschreibungspflichtigen Medikamenten, eine schwere Depression in den späten 1980ern und den Vorwurf, den eine Exfrau Roths erhoben hat: Er sei ein frauenverachtender Kontrollfreak.

Bei einer so breiten Auswahl an Nachrufen braucht es keinen weiteren auf dieser Seite. Deshalb sei hier im Folgenden statt an Exfrauen und enge Wegbegleiter das Wort an Philip Roth übergeben:

Über das Schreiben:

  • „Exhilaration and groaning. Frustration and freedom. Inspiration and uncertainty. Abundance and emptiness. Blazing forth and muddling through. The day-by-day repertoire of oscillating dualities that any talent withstands — and tremendous solitude, too. And the silence: 50 years in a room silent as the bottom of a pool, eking out, when all went well, my minimum daily allowance of usable prose.“ (Interview mit der New York Times, Januar 2018)
  • „I don’t ask writers about their work habits. I really don’t care. Joyce Carol Oates says somewhere that when writers ask each other what time they start working and when they finish and how much time they take for lunch, they’re actually trying to find out “Is he as crazy as I am?” I don’t need that question answered.“ (Interview mit Paris Review, Herbst 1984)
  • “Making fake biography, false history, concocting a half-imaginary existence out of the actual drama of my life is my life […] There has to be some pleasure in this life, and that’s it.” [Roth über sein Leben in einem Interview mit The Paris Review 1984… u.a. hier in der Irish Times zitiert]
  • “The point about being a novelist is that you’re absolutely in charge. You’re the director, and you’re the casting director, and you’re the cast. I think I prefer that.” [Roth vergleicht das Roman-Schreiben mit dem Schreiben von Drehbüchern; Interview mit der amerikanischen Vogue ; Oktober 1983]
  • „Writing is frustration—it’s daily frustration, not to mention humiliation. It’s just like baseball: you fail two-thirds of the time.“ [Interview mit der New York Times, November 2012]
  • “[I write] to be freed from my own suffocatingly boring and narrow perspective on life and to be lured into imaginative sympathy with a fully developed narrative point of view not my own.” [1981 Interview mit Le Nouvel Observateur; zitiert in der New York review of Books]
  • „I generally begin a book with nothing to go on except Mr. X in predicament Z. What follows over the next year or two is my figuring out who Mr. X is — his origins, his preoccupations, his passions, his longings, his antagonisms — and what the nature and the dimensions are of predicament Z. The key to success is getting the right X for Z and the right Z for X.“ [September 2007, Gespräch mit der Washington Post]
  • „Die Vorstellung, wie viele Stunden, Tage, Wochen ich in den letzten Jahrzehnten allein in einem Raum verbracht habe, überrascht mich noch immer. Stunden und Tage, in denen ich all die Leben nicht lebte, die meine Figuren leben, und die Dinge nicht tat, die sie tun. Ich glaube nicht an die kompensatorische Natur des Schreibens.“ [Interview mit Profil, Februar 2008 ]

Über seine Entscheidung, das Schreiben an den Nagel zu hängen und sein Leben im „Ruhestand“:

  • „I wanted to see whether I had wasted my time writing […] After that, I decided that I was done with fiction. I no longer want to read, to write, I don’t even want to talk about it anymore…. It’s enough.“ [Roth begründet seine Entscheidung, mit 74 jeden seiner Romane noch einmal zu lesen und das Schreiben anschließend an den Nagel zu hängen. So blieb sein 2010 erschienener Roman Nemesis sein letzter. Der Ausspruch stammt aus einem Interview mit dem französischen Magazin Les Inrocks und wurde u.a. hier in der Los Angeles Times zitiert]
  • „I swim, I follow baseball, look at the scenery, watch a few movies, listen to music, eat well and see friends. In the country I am keen on nature. Barely time left for a continuing preoccupation with aging, writing, sex and death. By the end of the day I am too fatigued.“  [Februar 2014, Stanford News]
  • „I spent my whole working life reading fiction, teaching fiction, studying fiction and writing fiction. I thought of little else until about seven years ago. Since then I’ve spent a good part of each day reading history, mainly American history but also modern European history. Reading has taken the place of writing, and constitutes the major part, the stimulus, of my thinking life.“ [Interview mit der New York Times, Januar 2018]

Über Politik:

  • “I found much that was alarming about being a citizen during the tenures of Richard Nixon and George W. Bush. But, whatever I may have seen as their limitations of character or intellect, neither was anything like as humanly impoverished as Trump is: ignorant of government, of history, of science, of philosophy, of art, incapable of expressing or recognizing subtlety or nuance, destitute of all decency, and wielding a vocabulary of seventy-seven words that is better called Jerkish than English.” [Roth kommentiert Donald Trump in einer E-Mail an The New Yorker]

Über Religion und das Sterben:

  • “When the whole world doesn’t believe in God, it’ll be a great place.“ [CBS Interview, Oktober 2010]
  • „Etwas Besseres kriegen wir nicht geboten. Bewusstsein ist eine ziemlich reichhaltige Erfahrung. Der Tod ist die Abwesenheit von Bewusstsein.“ [Interview mit Profil, Februar 2008 ]
  • „Man ist nie kindischer, als wenn man sich überlegt, wo man begraben werden möchte. Man denkt: Ach nein, hier ist es viel zu einsam, mit wem soll ich mich denn unterhalten? Ein anderer Ort ist einem zu schattig, ein dritter zu kalt im Winter. Jetzt habe ich aber endlich eine Grabstätte.“ [Interview mit Profil, Februar 2008 ]

Über den Literaturbetrieb – Kritiker, Leser & den Literaturnobelpreis:

  • Wissen Sie, Literatur ist kein Pferderennen. Der Nobelpreis wird aber als Pferderennen inszeniert.“ (Interview mit der Frankfurter Rundschau, Oktober 2009) [Roth war immer wieder im Gespräch für die Auszeichnung, hat sie jedoch nie erhalten]
  • „Fiktion ist verschlüsselt und vieldeutig. Allein eine Zusammenfassung des letzten Romans zu liefern, den man gelesen hat, erweist sich als äußerst schwierig. Hinzu kommt, dass die meisten Menschen ohnehin mit sehr abgestumpften Antennen zum Empfang fiktiver Signale herumlaufen. Sie sind zufrieden, wenn sie sagen können: Figur X entspricht in Wirklichkeit Person Y, und So-und-so ist So-und-so. Damit endet die Diskussion über Literatur.“ [Interview mit Profil, Februar 2008 ]

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Philip Roths letztes Buch: Das 2010 erschienene Nemesis (Klick auf Bild führt zu Rezension)

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