Lesemanie

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Ein Allerweltsgesicht & außergewöhnliche Geschichten

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Ayelet Gundar-Goshen – Eine Nacht, Markowitz

Jakob Markowitz ist weder schön noch hässlich; sein Allerweltsgesicht ist vollkommen mittelmäßig und nichtssagend, „[so] nichtssagend, dass das Auge kaum darauf verharren konnte, sondern zu anderen Dingen weiterglitt […] Um Jakob Markowitz‘ langweilige Züge eingehender zu erforschen, waren ungeheure Anstrengungen erforderlich.“

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Für die Irgun, die sich zu diesem Zeitpunkt im Untergrund gegen die britische Mandatsmacht in Palästina organisiert, schmuggelt Markowitz Waffen; kein britischer Soldat sieht zweimal hin, wenn der Mann an ihm vorbeigeht. Ansonsten bestellt Markowitz ein kleines Feld in seiner Moschawa; abends füttert er die Tauben hinter seinem Haus. Bis sich – wie so oft in seinem Leben fremdbestimmt – etwas ändert: Um Seev Feinberg, seinem einzigen Freund, zu helfen, verlässt Markowitz mit Feinberg die Moschawa. Gemeinsam mit anderen Mitgliedern der Irgun reisen sie ins nationalsozialistische Europa um dort jüdischen Frauen mit einer Heirat die Flucht nach Palästina zu ermöglichen. Eigentlich, so ist es vereinbart, soll bei Ankunft dann die Scheidung vollzogen werden um den Frauen in jeder Hinsicht Freiheit zu geben. Doch als Jakob Markowitz die für ihn bestimmte Frau sieht, trifft er zum ersten Mal in seinem Leben selbst eine Entscheidung: Dieser Frau wird er die Scheidung nicht gewähren. So sehr Bella auch tobt und fordert, so sehr Seev Feinberg auf den Freund einredet, Markowitz bleibt stur, bezieht das Sofa in seinem Wohnzimmer und ändert seine Meinung auch nicht, als Bellas Wut das Haus von innen völlig auskühlen lässt und sie ihm später ein Kuckuckskind präsentiert.

Die teils saloppe Sprache, die mit spitzfindigen Beobachtungen und ungewöhnlichen Einfällen gespickt ist, die Vermischung aus magischem Realismus und historischen Ereignissen, die sich im Hintergrund abspielen, erinnern stellenweise an Márquez‘ Hundert Jahre Einsamkeit. Gleichzeitig würzt Gundar-Goshen ihre Geschichte mit viel Ironie, was auch die teils ausgedehnten Sexszenen erträglich macht.

Trotz aller Ironie und der Poesie, die jeden Absatz trägt, wird klar, dass viele der Menschen versehrt sind durch die Schrecken und Traumata, die sie in der europäischen Heimat erlebt haben. Da ist Rachel Mandelbaum, die Frau des Schächters, die nach ihrer Ankunft kein Wort ihrer deutschen Muttersprache mehr über die Lippen bringt und es lieber auf sich nimmt, nur bruchstückhaft in der neuen Sprache zu kommunizieren und ihre Gefühle, denen sie keinen Ausdruck mehr verleihen kann, für sich zu behalten. Oder der Irgun-Vizechef, ein Freund von Seev Feinberg, der eigentlich aus Polen stammt und damals zunächst aus der polnischen Provinz in die nächste Stadt geflohen ist: „Die Welt stand so vor ihm, wie sie war, aller Engel entkleidet, zitternd vor Kälte ohne die Verheißung der künftigen Welt, mit der sie sich hätte bedecken können.“

Die Welt, die Ayelet Gundar-Goshen geschaffen hat, ist anders – hier wandeln Engel (mit menschlichen Schwächen) unter den Menschen. Da ist Sonia, die stets vom Duft süßer Orangen umweht ist und die Kraft einer Löwin besitzt, oder Seev Feinberg, ein Bild von einem Mann, das so überzeichnet ist, dass Legende und Realität miteinander verschwimmen. Und dann ist da eben Jakob Markowitz, der zwar dank seiner „brillanten Mittelmäßigkeit“ unter all diesen Engeln unterzugehen scheint, der jedoch gleichzetig zu Bellas übersinnlicher Schönheit beiträgt: „Sobald Jakob Markowitz die Augen von Bella Markowitz wandte, verwandelte sie sich von einer Lichtgestalt in eine Frau von Fleisch und Blut.“

Doch trotz aller Engel und aller Magie gibt es ja „tatsächlich den Augenblick, in dem große Leidenschaften weniger groß werden, und danach klein, und dann sind sie weg.“ Und dann steht die Welt wieder zitternd vor einem, denn, das lernt Markowitz im Krieg, ohne Leidenschaft und den dahinterliegenden Wahnsinn sind wir alle nur ganz gewöhnliche Menschen.

Kurzfazit: Ein magisches Buch über Leidenschaften und – ganz am Rande – die Gründung Israels.

Lieblingssatz: „Der Mensch wendet seine Aufmerksamkeit alltäglichen Dingen zu – der Kindererziehung, der Erwerbstätigkeit, der einen oder anderen guten Mahlzeit, und auf einmal hebt er den Kopf und ist alt.“

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