Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

„Auch heute dichte ich Verse“

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Wakayama Bokusui – In der Ferne der Fuji wolkenlos heiter

Auch heute
dichte ich Verse
weiß nicht warum
getrieben von Sehnsüchten
Traurigkeiten

Bei Tanka handelt es sich um eine der ältesten japanischen Gedichtformen. „Tanka“ bedeutet so viel wie „das Kurze Lied“ oder „Kurzgedicht“. Ein solches Gedicht besteht aus 31 Moren (das sind kurze Sprechtakte / Lauteinheiten, die nicht mit deutschen Silben identisch sind), gegliedert in 5-7-5-7-7.

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Im 9. Jahrhundert dominierte diese Gedichtform die höfische Lyrik in Japan, während es im 18./19. Jahrhundert als überholt und steif galt. Eine Gruppe junger Dichter verhalf der Form im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert zu neuer Beliebtheit, die bis heute andauert. Wakayama Bokusui (1885 – 1928) gilt bis heute als einer der bedeutendsten Tanka-Dichter Japans.

Bokusuis Tankas sind in den meisten Fällen scharfsinnige Naturbeobachtungen; oft durchstreifte der Dichter monatelang die japanische Natur und brachte seine Eindrücke in Versform zu Papier. So sind literarische Momentaufnahmen entstanden, die in fünf Zeilen ganze Jahreszeiten abzubilden vermögen:

Vogelgezwitscher
wie plätscherndes Wasser
Bergkirschen blühen
zur Mittagszeit     zwischen Kiefern
in Waldestiefe

Immer wieder findet sich auch Biographisches in Bokusuis Gedichten, was durch den Übersetzer und Herausgeber Eduard Klopfenstein teilweise in kurzen Anmerkungen zu Beginn eines Gedichts vermerkt ist und auch im Anhang noch einmal umfassend erläutert wird. Das wird auch durch Auswahl und Anordnung der Tanka verdeutlicht, die Klopfenstein in fünf Schaffensperioden geordnet hat:

  1.  „Frühwerk“ (1904 – 1910), das insbesondere durch die intime Naturverbundenheit des Dichters geprägt ist.
  2. „Dunkle Jahre des Übergangs“ (1910 – 1912), entstanden in Jahren des Geldmangels und einer wachsenden (und anhaltenden) Alkoholsucht, die sich in vielen Texten wiederfindet. Die Beziehung zu einer verheirateten Frau zerbricht.
  3. „Stabilität & Selbstironie“ (1913-1917), eine Epoche, die sich an Bokusuis Hochzeit anschließt und in deren Verlauf auch die Kinder des Paares geboren werden. Zugleich stirbt der Vater des Dichters und er sieht sich mit Druck durch die Familie konfrontiert, um seiner Rolle als Erstgeborener gerecht  zu werden.
  4. „Gereifte Sensibilität“ (1918-1920), hier schreibt ein etablierter Mann, der den Widrigkeiten des Lebens deutlich gelassener gegenübersteht als noch einige Jahre zuvor.
  5. „Die letzten Jahre“ (1921 – 1928): In den Jahren vor seinem plötzlichen Tod lebt Bokusui hauptsächlich komfortabel; dank der Einkünfte aus seiner Dichtung kann er für die Familie ein Haus auf dem Land kaufen und gründet eine moderne Poesie-Zeitschrift für Japan. Doch damit mutet er sich zu viel zu – überschuldet stirbt er mit 43 Jahren wahrscheinlich an den Folgen seiner Alkoholsucht.

Mit diesen Informationen lassen sich die Tanka im Kontext von Bokusuis Leben verordnen. Doch ihre Stärke liegt darin, dass sie dank ihrer reduzierten Form automatisch zu etwas Exemplarischen werden, zu Szenen, die im Kopf des Leser direkt Erinnerungen an eigene Erfahrungen wecken können:

Von irgendwoher
hallt die Stimme des Vaters
durch dieses alte
weiträumige Haus –
es ist Abend im Herbst

Im Japanischen werden Tanka meistens in einer Zeile und ohne Satzzeichen geschrieben. In deutschen Übersetzungen werden sie in der Regel in fünf Zeilen  dargestellt. Der Übersetzer Eduard Klopfenstein hat nach Möglichkeit ebenfalls auf Satzzeichen verzichtet um den Fluss von Bokusuis Worten nicht zu stören. Bewusst hat er sich  dennoch für den Einsatz von Fragezeichen und Ausrufezeichen entschieden, die im Japanischen in Partikelform platziert werden und so in der deutschen Übersetzung untergehen würden. Auch mit sparsam platzierten Gedankenstrichen und Abständen prägt Klopfenstein den Lesefluss – durch die so forcierten Pausen entfalten die Konstruktionen erst ihre volle Wirkung. So wohnt selbst augenscheinlichen Banalitäten ein gewisser Zauber inne:

Das Wetter ganz
wie’s in der Zeitung stand:
vom Sprühregen
gestern Abend ein feuchter Glanz
über den Buschkleeblüten

Bei den Tankas von Wakayama Bokusui handelt es sich um wunderschöne Poesie, die den Leser durch alle Jahreszeiten, durch Stadt und Land und durch ganz unterschiedliche Lebens-Phasen hindurch begleitet.

Kurzfazit: Wunderschöne – nein: umwerfende – Poesie aus Japan.

Ich danke dem Manesse Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares.


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