Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

Diesen Mann will ich gar nicht kennen

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Carl Frode Tiller – Kennen Sie diesen Mann?

David hat sein Gedächtnis verloren; er weiß nicht mehr, wer er ist. Um ihm dabei zu helfen, sich selbst wieder kennen zu lernen und Erinnerungen wieder zu erlangen, schreiben ihm drei Menschen Briefe. Sein Jugendfreund Jon ist einer der drei; gefolgt von seinem Stiefvater Arvid und seiner Jugendliebe Silja.

Jeder der drei begreift den Anlass als Chance, über sich selbst zu schreiben. So lernt der Leser deutlich mehr über Jon, Arvid und Silja, als über David selbst, um den die drei Erzählstimmen ihre Kreise ziehen.
Das, was man über David erfährt, bezieht sich vor allem auf den Jugendlichen. Da es sich bei Kennen Sie diesen Mann? um den ersten Band einer Trilogie handelt, werden in den kommenden Bänden wohl Stimmen anderer Weggefährten zu Wort kommen, die David in späteren Jahren begleitet haben. Ganz genau werde ich das auch zukünftig nicht sagen können, denn nach der Qual dieses ersten Bandes werde ich mir die folgenden Bücher mit Sicherheit nicht antun.

Wie schreibt Kris Gage in „8 Things I Learned Reading 50 Books A Year for 7 Years„: Es gebe zwei Arten guter Bücher (beide schwer zu finden) –  die mit gutem Inhalt („The writing only needs to be good enough to allow you to follow“) und die mit schöner Sprache („It doesn’t matter what the content is because the writing is so goddamn beautiful it all but sings off the page“).
Mit diesem Gedanken habe ich mich durch das erste Drittel von Kennen Sie diesen Mann? geschleppt, denn gleich zu Beginn war klar, dass es sich hier nicht um ein Buch mit schöner Sprache handelte. Aber mir gefiel die Idee die Hauptperson weder direkt zu beschreiben noch zu Wort kommen zu lassen, sondern sie vielmehr mit anderen Stimmen einzukreisen. Ich hoffte ehrlich gesagt, dass mich das Buch so begeistern würde wie Eva Menasses Quasikristalle, in dem die Hauptperson auch mit verschiedenen Mosaiksteinchen zusammengepuzzelt wird. In Menasses Fall stimmte alles – Sprache und Inhalt. In diesem Buch von Carl Frode Tiller stimmt leider nichts von beidem.

Tatsächlich fand ich die Sprache so schlecht, dass ich dem Plot zwar noch folgen konnte, es aber einfach nicht mehr wollte. Vielleicht liegt das daran, dass Tiller den Jugendfreund Jon als erstes zu Wort kommen lässt. Jon ist ein Mann mittleren Alters, der sich immer noch dem Traum der erfolgreichen Musikerkarriere hingibt und sich dafür in verschiedenen Bands verdingt, deren Mitglieder inzwischen meistens deutlich jünger sind als er. Jon scheint verzweifelt bemüht, nicht nur den Durchbruch zu erlangen, sondern auch bei den Bandkollegen, die einer völlig anderen Generation angehören als er selbst, cool zu wirken und akzeptiert zu werden. Dabei kommt er deutlich unreifer herüber als die Jungspunde um ihn herum.

Sowohl die Sprache, die Tiller für Jon gewählt hat, als auch die durch ihn angestellten Beobachtungen zeichnen das Bild eines weinerlichen 14-Jährigen, der orientierungslos durch die Pubertät schippert und sich dabei selbst unendlich leid tut. Verstärkt wird dieser Eindruck durch das meist fehlende Subjekt  („ich“) in den Sätzen, sodass man tatsächlich das Gefühl hat, ein Teenager-Tagebuch zu durchblättern. Wenn so eine Erzählstimme mit schlechter Sprache und dem Fehlen eines roten Fadens kombiniert wird, kann man das als Leser nur schwer aushalten.

Größtenteils scheint Jon zu grinsen oder zu lächeln, wobei ihm weder das Grinsen noch das Lächeln immer ganz gelingen wollen. Außerdem erleben wir ihn meistens nickend oder kopfschüttelnd:

  • „Drehe mich zum ihm und grinse […] Schaue nach hinten und grinse ihn an […] Beuge mich ein wenig vor und schaue von einer Seite zur anderen, grinse und  schüttele den Kopf […] warte einen Moment, schüttele wieder den Kopf […] dann schaue ich zu Lars hinüber und schüttele ungläubig den Kopf“ (Alles S. 8)
  • „…versuche zu grinsen, kriege es jedoch nicht so ganz hin, das Grinsen fällt böse und höhnisch aus“ (S.41)
  • „Grinse, versuche triumphierend zu grinsen, gelingt mir aber nicht ganz, das Grinsen fällt nur verbittert aus“ (S.66)
  • „…versuche es ganz unschuldig rüberzubringen und dabei weiter zu grinsen […] Ich sage nichts, sitze da und grinse […] versuche zu grinsen, gelingt mir aber nicht ganz, das Grinsen gerät nur gemein und nervös“ (Alles S. 80/81)
  • „…dann ringe ich mir wieder ein Grinsen ab […] merke, wie sich mein Grinsen verflüchtigt […] Ich sehe sie einen kurzen Moment an und ringe mir ein Grinsen ab, ein wütendes  Grinsen“ (Alles S. 82/83)
  • „er lächelt freundlich […] ich nicke und lächele […] ‚Aha‘ murmele ich, blicke auf und lächele […] Ich sehe kurz zum ihm auf, nicke und lächele […] ich sehe auf und lächele ihm zu“ (Alles S. 134)

Kurz – mit Jon ist der Leser mehr als bedient; weder David noch Arvid noch Silja können die Qual des ersten Drittels dieses Buch wettmachen. Tatsächlich verging mir während des Lesens sowohl das Lächeln als auch jegliches Grinsen. Übrig blieb Kopfschütteln.

Kurzfazit: Die Sprache treibt einen zur Weißglut; der Plot schläfert ein.

Ich danke dem btb-Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares.

Was steht daneben im Regal? „Olive Kitteridge“ von Elizabeth Strout.

 

 

 

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