Lesemanie

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An den Haaren herbeigezogen

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Jean-Francois Parot – Commissaire Le Floch & Das Geheimnis der Weißmäntel

Der junge Bretone Nicolas Le Floch reist 1759 zum ersten Mal in seinem Leben nach Paris. „Seine ersten Eindrücke von der großen Stadt waren: enge Gassen, über alle Maßen hohe Häuser, schmutzige, schlammige Straßen, Unmengen von Reitern und Kutschen, Schreie und diese unbeschreiblichen Gerüche…“ Nicolas, der zuvor einige Zeit als Notariatsgehilfe in Rennes gearbeitet hat, ist von seinem Vormund und seinem Patenonkel urplötzlich nach Paris geschickt worden. In seiner Tasche trägt er ein Empfehlungsschreiben für Monsieur de Sartine, den Polizeipräfekten von Paris.

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Sartine ist von der Aufrichtigkeit des jungen Mannes angetan. Zugleich, so erfahren Le Floch und der Leser später, ist er überzeugt davon, den jungen Mann komplett nach seiner Pfeife tanzen lassen zu können und auch davon, dass Le Floch, sollte etwas schief gehen, problemlos den schwarzen Peter zugeschoben bekommen kann.

Zunächst geschieht wenig. Le Floch wird im Haus von Polizeikommissar Lardin untergebracht. Der weist ihn in die Polizeiarbeit und die Gepflogenheiten der Hauptstadt ein. Doch dann verschwindet Lardin plötzlich und Le Floch wird damit beauftragt, ihn zu suchen. Im Laufe der Ermittlungen wird klar, dass es nicht nur um den verschwundenen Kommissar geht, sondern dass dieser zu allem Überfluss im Besitz pikanter Dokumente war: Briefe an und von Madame Pompadour, der Mätresse des Königs.

Die Sache ist verworren und Jean-Francois Parot lässt sich 453 Seiten Zeit, um sie zu Ende zu bringen. Auf diesen 453 Seiten  wird klar: Parot ist gelernter Historiker, der sich auf das 18. Jahrhundert spezialisiert hat und der eine Menge darüber weiß. Und er doziert gerne – über die Mode, die Sitten, die politische Lage und immer wieder und wieder über den Dreck und Gestank, der einer Metropole des 18. Jahrhunderts zueigen ist:

  • „Ein penetranter Gestank verriet, dass die Droschke soeben am Haus eines reichen Kranken vorbeigefahren war, dessen Diener Stallmist und Stroh vor der Tür ausgebreitet hatten, um den Lärm der Karossen zu dämpfen.“

So fundiert das Historische sein mag, so schlecht ist die Sprache. Da blitzen Augen mal ironisch, dann frech, dann verwegen. Sätze sind verschachtelt und unnötig lang, Verben beziehen sich auf das falsche Substantiv und die meisten Seiten sind mit Plattitüden gespickt und voller Pathos:

  • „Seine inquisitorischen Augen blickten ihn lange unverwandt an. Der junge Mann ertrug diese Prüfung, ohne mit der Wimper zu zucken. Dann zog Sartine ihn sanft zu einem Sessel und zwang ihn, sich zu setzen.“
  • „Er betrachtete Nicolas mit einem ironischen Aufleuchten in den Augen. Diese kleine Genugtuung wurde bezahlt mit einem erneuten Aufflammen des Schmerzes, der sein Gesicht verzerrte und ihn leise stöhnen ließ.“
  • „Die Prüfung hatte ihn gehärtet wie das Wasser des Wildbachs die Klinge eines im Feuer durchglühten Degens. Der Tod, dessen Geruch er im Atem von [….Name wg. Spoiler-Gefahr entfernt…] wahrgenommen hatte, hatte sich ihn sozusagen reingewaschen und selbstsicherer zurückgelassen [Nein, dass falsche „sich“ ist kein Tippfehler meinerseits]. Es war wie eine Wiedergeburt, und er sah die Dinge jetzt in einem anderen Licht. Die Droschke, sogar der Schmerz in seiner Brust und der fallende Schnee erfüllten ihn mit Freude und Dankbarkeit.“
  • „Bourdeau und Nicolas sahen sich an, verblüfft über die Meisterschaft des jungen Henkers und die Perspektiven, die sie eröffneten.“

Zuguterletzt kommt noch erschwerend hinzu, dass die ganze Angelegenheit wirklich nicht so verworren hätte sein müssen. Ein besserer Krimiautor hätte den Leser auch mit weniger Nebenschauplätzen im Dunkeln tappen lassen können.Nachdem auf den letzten hundert Seiten endlich Spannung aufkommt, verpufft diese mit einem Knall bei der leider völlig an den Haaren herbeigezogenen Auflösung.

Kurzfazit: Spannung erst auf den letzten hundert Seiten; davor graust einen hauptsächlich die Sprache.

Übrigens: Wer auf der Suche nach einem unterhaltsamen, historisch fundierten Roman ist, ist mit der Reihe „Fortune de France“ gut beraten. Historische Ermittler mit viel Spannung und besserer Sprache bieten Lindsey Davis und Nicolas Remin. Alle drei Reihen werden hier kurz angerissen.

Ich danke dem Blessing Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares.


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