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Künstlerin, Forscherin, Geschäftsfrau

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Barbara Beuys – Maria Sibylla Merian. Künstlerin, Forscherin, Geschäftsfrau

Maria Sibylla Merian wird 1648 als Tochter des bekannten Verlegers und Kupferstechers Matthäus Merian in Frankfurt geboren. Als sie 1717 fast siebzigjhährig stirbt, hat sie sich einen eigenen Namen  gemacht als herausragende Malerin und Kupferstecherin, vor allem aber als Naturforscherin.

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Nach dem Tod des leiblichen Vaters wächst Maria Sibylla bei ihrer Mutter und deren zweitem Ehemann auf, dem Blumenmaler und Kunsthändler Jacob Marrel. Wie für die Zeit üblich, wird das junge Mädchen in einem Handwerk unterrichtet: Der Stiefvater erkennt früh ihr künstlerische Talent und nimmt sie in die Lehre.

In einem kurzen Exkurs erläutert die Historikerin Barbara Beuys, dass dies keine Seltenheit ist: „Die mittelalterlichen Zünfte, in denen sich die Handwerker organisierten, kannten kein generelles Frauenverbot. Ein Blick in die Statistik der Frankfurter Zünfte zwischen 1300 und 1500 genügt: 65 Berufe waren reine Frauensache, bei 17 hatten Frauen die Mehrheit […] Ihre Paradezunft aber war die Seidenweberei. Allein zwischen 1513 und 1580 wurden am Rhein 222 Meisterinnen und über 700 Lehrmädchen in die Zunftrolle eingetragen. Nicht wenige der Meisterinnen waren berufstätige Ehefrauen.“ Das ändert sich erst schrittweise zu Lebzeiten von Maria Sibylla Merian und in den danach folgenden Jahrzehnten. Durch den Wandel zu absolutistischen Staatssystemen bildet sich ein umfangreicher Verwaltungsapparat, der ausschließlich Männern vorbehalten ist.

Kolorierter Kupferstich aus Metamorphosis insectorum Surinamensium, Bildtafel XXVII. Musa paradisiaca, 1705

Kolorierter Kupferstich aus Merians „Verwandlung der surinamischen Insekten“ (Bildtafel XXVII)

Solche Exkurse und Erläuterungen finden sich immer wieder in dem Buch von Barbara Beuys. So bettet sie die Merian gekonnt in ihre Zeit ein, ohne je nennenswert abzuschweifen oder langatmig zu sein. Sie nimmt sich immer genau genug Zeit um beispielsweise Personen, die großen Einfluss auf Maria Sibylla haben, genauer zu betrachten. Auch die Religiosität der Familie Merian – überzeugte Calvinisten in lutherisch geprägten Teilen Europas kurz nach dem dreißigjährigen Krieg – beleuchtet sie umfassend unter Verweis auf verschiedene religiöse Strömungen und Konflikte der Zeit.

Während ihre Halbbrüder nach dem Tod des berühmten Matthäus Merian den bekannten Verlag übernehmen und die Geschäfte fortführen, lernt Maria Sibylla also das Zeichnen, Malen und Kupferstechen. Mit 13 entdeckt sie eine weitere Leidenschaft: Raupen und ihre Verwandlung zu Schmetterlingen. Sie beginnt, Raupen aller Art zu sammeln, zu Hause zu füttern und zu beobachten. Sie macht sich umfassende Notizen zu ihrer Metamorphose und protokolliert den Prozess auch in detaillierten Zeichnungen. So gehen Forschung und Kunst eine ausgewogene Partnerschaft ein.

Die Merian gibt diesen Zeitvertreib auch nicht auf, nachdem sie heiratet und erstmalig Mutter wird. Und während ihr Mann einen passablen, aber nicht herausragenden, Ruf als Künstler genießt, werden auf Maria Sibylla Merian mit Veröffentlichung ihres ersten eigenen Buches mit Blumenbildern, Zeitgenossen schnell aufmerksam. Die umtriebige junge Frau gründet außerdem eine sogenannte „Jungfern-Compagnie“, in der sie Töchter aus gutbürgerlichen Familien in Nürnberg im Malen, Zeichnen, Sticken und Nähen unterrichtet.

Als sie 1679 ihr „Erstes Raupenbuch“ veröffentlicht, wird sie rundum zur Berühmtheit, denn dieses Buch macht klar, dass es sich bei Maria Sibylla Merian nicht „nur“ um eine Malerin handelt, sondern um eine ernstzunehmende Forscherin, die ihre Objekte gewissenhaft erforscht und ihre Beobachtungen gut zu Papier bringen kann.

Kolorierter Kupferstich aus Metamorphosis insectorum Surinamensium, Bildtafel XXIII. Solanum mammosum 1705

Kolorierter Kupferstich aus Merians „Verwandlung der surinamischen Insekten“ (Bildtafel XXIII)

Barbara Beuys achtet sehr darauf, Mutmaßungen über Maria Sibylla Merians als solche zu kennzeichnen und beruft sich konstant auf Quellen. Offen gibt sie zu, wenn sich Lücken oder Fragen auftun rund um den Charakter oder die Motivation hinter Merians Entscheidungen. Aber trotz aller Vorsicht ist man als Leser schnell fasziniert von dieser Frau, die sich später mit zwei Töchtern von ihrem Mann trennen wird und nach einigen Jahren in einer radikalen christlichen Glaubensgemeinschaft ihr Hab und Gut verkauft um mit 51 Jahren zu einer bis dahin beispiellosen Forschungsreise nach Surinam aufzubrechen. Dort schlägt sie sich durch den Urwald und veröffentlicht anschließend, von Malaria schwer gebeutelt, ihr umfassendes Werk zur „Verwandlung der surinamischen Insekten“.

CodeDie packende und kompakte Aufbereitung eines derart schillernden Lebens, die Barbara Beuys hier gelungen ist, ist an sich schon ein kleines Kunstwerk.

Kurzfazit: Ein ungewöhnliches Leben und eine spannende Epoche gekonnt auf 270 Seiten gebannt.

 


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