Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

Mädchen, Ehefrau, Geliebte, Großmutter

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Eva Menasse – Quasikristalle

Menschen reifen und wachsen, sie überdenken ihre Ziele und Wünsche, sie krempeln ihr Leben um und sehen sich plötzlich mit unvorhergesehenen Situationen konfrontiert. Oder bleibt der Mensch an sich gleich und zeigt nur in verschiedenen Situationen ein anderes Gesicht? Präsentieren wir dem Vermieter eine Version unserer selbst, dem Ehemann eine andere, und den Enkeln noch eine weitere?

Eva Menasse folgt Xane Molin durch ihr Leben und beobachtet sie zu verschiedenen Zeitpunkten in ganz unterschiedlichen Situationen. Dabei betrachtet sie sie aus den verschiedensten Blickwinkeln. Zum ersten Mal begegnet sie dem Leser als aufgekratzte Vierzehnjährige, die einen denkwürdigen – man kann auch sagen traumatischen – Sommer erlebt. Später lernen wir sie als junge Frau aus Sicht eines Historikers kennen, der mit ihr und einer Gruppe anderer ein früheres Konzentrationslager besucht. Noch später begegnen wir ihr in einer gynäkologischen Praxis.

Entlang dieser Stationen lernt der Leser verschiedene Weggefährten von Xane Molin kennen. Dabei gelingt es Eva Menasse, jeden dieser Weggefährten auf seine Art interessant zu machen, jedem von ihnen andeutungsweise eine eigene Geschichte und eigene Facetten anzuheften, sodass man das Gefühl hat, jederzeit auch in eine dieser Geschichten eintauchen zu können. Es wird deutlich: Im Leben der Xane Molin sind sie Statisten, doch in ihrem eigenen Leben spielt jeder von ihnen die Hauptrolle. Gleichzeitig tut dies dem Interesse an Xane keinen Abbruch – rückblickend ist kein einziges Kapitelende, das immer einen Zeitsprung und den Abschied vom jeweiligen Weggefährten bedeutet, eine Enttäuschung. Zu keinem Zeitpunkt wünscht man sich, Menasse hätte dort länger verweilt; stattdessen passt sie immer den richigen Augenblick ab. So bleiben zwar Fragen offen und Rätsel ungelöst, doch die Personen verblassen noch während man sich leise fragt, wie es ihnen auf ihrem weiteren Weg ergehen mag. Was bleibt ist Xane Molin, beziehungsweise, viele kleine Mosaiksteinchen, die Teile von ihr preisgeben, während andere nie ans Licht kommen.

Quasikristalle zerlegt ein Leben in seine Einzelteile. Betrachtet banale Ereignisse und beleuchtet wegweisende Entscheidungen. Und während man sich als Leser eine Version von Xane Molin zusammenpuzzelt, wird einem klar, dass es keine vollständige, keine „richtige“ Version von ihr gibt, ebenso wenig, wie es eine vollständige und richtige Version von einem selbst gibt.


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