Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

Eine herbe Enttäuschung

Hinterlasse einen Kommentar

David Foenkinos – Das geheime Leben des Monsieur Pick

In Crozon, einem kleinen Dorf in der Bretagne, schafft der Bibliothekar Jean-Pierre foenkinos-coverGourvec einen besonderen Ort: Einen nicht unbeachtlichen Teil seiner Regale reserviert er für abgelehnte Manuskripte. Der Andrang ist groß, über die Jahre kommen beinahe tausend solcher Manuskripte zusammen. Der Erzähler begründet das so: „Das Ganze hatte etwas von einer Wallfahrt, sozusagen die literarische Variante des Jakobswegs. Indem man Hunderte von Kilometern zurücklegte, um so mit der Enttäuschung, nicht veröffentlichen zu können, innerlich abzuschließen, vollzog man einen wichtigen symbolischen Akt. Es war eine Art, die Wörter aus dem Gedächtnis zu streichen.“

Delphine ist eine junge, erfolgreiche Literaturagentin, die ein sagenhaftes Gespür dafür hat, ob ein Buch Erfolg haben wird oder nicht. Bei dem Manuskript „Die Badewanne“ von Frédéric Koskas lässt sie dieses Gespür im Stich – das Buch wird ein Flop. Aber Delphine und der junge Schriftsteller werden ein Paar. Um den Mann ihren Eltern vorzustellen, nimmt sie ihn mit in ihre bretonische Heimat, in ein kleines Dorf ganz in der Nähe von Crozon. Ein Tagesausflug treibt die beiden in die Bibliothek mit den abgelehnten Manuskripten und Delphine stolpert über eine Geschichte, bei der sie sicher ist, dass sie ein Riesen-Erfolg sein wird. Geschrieben wurde sie von einem gewissen Monsieur Pick, der sein Leben lang eine kleine Pizzeria betrieben hat und von dessen literarischen Fähigkeiten und Taten noch nicht einmal seine Frau etwas wusste. Pick ist inzwischen verstorben, doch Delphine will das Manuskript unbedingt veröffentlichen und auch der persönlichen Geschichte des Monsieur Pick auf die Spur kommen…

Seitenlang suhlt sich der Erzähler in der Einfachheit der Familie Pick, seziert die Beziehung zwischen Delphine und Frédéric und philosophiert über den Einfluss von Kindheit und Jugend auf Delphines Charakter. Leider kommt so nur wenig bis gar kein Interesse am Fortgang der Geschichte auf. Dass die Sprache zu wünschen übrig lässt, macht es nicht besser – die Sätze sind teils viel zu umständlich, die evozierten Emotionen platt:

  • „Die Gesichter der Gäste nahmen einen Ausdruck an, der sowohl Entgeisterung als auch Erregung wiederspiegelte.“
  • „Madeleine verschwand in der Küche, was Delphine die Gelegenheit gab, ihren Freund mit Blicken zu töten.“

Das ist umso enttäuschender, wenn man Foenkinos durch den Roman „Charlotte“ kennengelernt hat. Bei diesem Buch, fand ich vor rund zwei Jahren, war die deutsche Übersetzung „sprachlich so stark, das Thema so spannend, dass es nur wenige Seiten braucht um sich der Erzählung vollends hinzugeben und sich mittreiben zu lassen“ (die volle Rezension findet ihr hier). Nach „Charlotte“ musste ich tagelang das Lesen aussetzen um das Gelesene zu verdauen und mich in ein anderes Buch einfinden zu können. „Das geheime Leben des Monsieur Pick“ wurde nach wenigen Seiten langweilig. Als ich endlich zu einem anderen Buch greifen konnte, war ich erleichtert. Tatsächlich entsprach die Enttäuschung in etwa der Ernüchterung, die beim Lesen von Alessandro Bariccos „Mr. Gwyn“ aufkam (siehe hier), das ebenfalls inhaltlich und sprachlich nicht dem entsprach, was Baricco vorher geschaffen hat…

Kurzfazit: Kann weder inhaltlich noch sprachlich mit dem Vorgänger mithalten.

Ich danke der DVA für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares.


Foenkinos und Baricco auf Lesemanie:

31493-9783421047083_covermr_gwyn64559-land_aus_glas-9783423134477

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s