Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

Selbstfindungs-Sommer in Schweden

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Audur Jónsdóttir – Wege, die das Leben geht 9783442714872_Cover

Seit Jahren wird Eyjas Leben vom Chaos beherrscht. Da ist die alkoholkranke Mutter mit ihren wechselnden, teils gewaltbereiten, Liebhabern, die Schwester, die mit Drogen experimentiert und da ist vor allem ihr Mann Garri. Garri kämpft mit Depressionen und Sucht, hat weder die traumatische Kindheit verarbeitet noch den Winter, in dem er nach einer schlimmen Lawine Verwandte und Freunde aus dem Schnee ausgegraben hat – Greise, Gleichaltrige und Kinder gleichermaßen. Eyjas Wohnung starrt vor Dreck, sie treibt ziellos umher, driftet von einem prekären Beschäftigungsverhältnis zum nächsten. Sie leidet unter ihrem Übergewicht und traut sich wenig zu im Leben. Eine einzige Sache treibt sie an: Der Traum vom Schreiben.

Das Schreiben liegt in der Familie – Eyjas Mutter hat lange Zeit Kolumnen geschrieben, der inzwischen verstorbene Großvater ist Nobelpreisträger und isländischer Nationaldichter. Das schafft natürlich einen gewissen Druck – auch wenn die Erwartung der Öffentlichkeit an die weiblichen Nachfahrinnen des großen Dichters durchaus niedrig ist:

Opa war Schriftsteller gewesen. Die Mutter ihrer Freundin war Schriftsteller mit dem Anhängsel -in gewesen, das war der Unterschied gewesen. Wenn Eyja irgendwann einmal ein Buch schreiben würde, das war ihr in diesem Moment klar geworden, bekäme sie ebenfalls dieses -in. Damals hatte sie noch nicht gewusst, wie sehr sie sich einmal darüber aufregen würde, eine Schriftstellerin zu sein, deren Romane als sogenannte Frauenliteratur bezeichnet werden würden – als würden ihre Bücher von Always Ultra verlegt.

Die Großmutter, eine resolute und wohlhabende Frau, ist es, die ihre Enkelin schlussendlich dazu drängt, ihr Leben zu ändern. Ein Tapetenwechsel soll her, die Enkelin vom nichtsnutzigen Ehemann wegkommen, sich endlich einmal ernsthaft ans Schreiben machen und vielleicht auch ein bisschen Gewicht verlieren. Eine Freundin der Familie bietet an, Eyja könne den Sommer bei ihr in Schweden verbringen. Mit vereinten Kräften schaffen die Frauen in ihrer Familie Eyja dorthin und hier lässt sie ihr Leben Revue passieren, lernt sich selbst neu kennen und beginnt damit, Ordnung in das Chaos zu bringen.

Audur Jónsdóttir mutet den Figuren in diesem Buch viel zu, doch ihre unaufgeregte Sprache und die Überzeichnung einiger Szenen und Charaktere, erleichtert es dem Leser ungemein, sich mit den Schicksalen auseinander zu setzen. Man könnte sagen, dass eine fehlende Subtilität sowohl in dramatischen als auch in humorvollen Szenen eine gewisse Distanz zwischen Leser und Geschichte schafft. Das Besondere an dieser Distanz ist, dass sie dem Leser genug Neugierde erhält um weiterlesen zu wollen, während zugleich ausreichend Abstand gewahrt wird um an traurigen Stellen nicht völlig im Drama zu versinken. Das macht Wege, die das Leben geht zu einer angenehmen Urlaubslektüre.

Kurzfazit: Angenehme Urlaubslektüre, die sich selbst nicht allzu ernst nimmt.

Ich danke dem btb-Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares.

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