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Überraschend moderne Gesellschaftskritik

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Eduard von Keyserling – Fräulein Rosa Herz

9783717523949_CoverEine Protagonistin mit dem Namen Rosa Herz? „Fräulein Rosa Herz“ als Romantitel? Das kann ja eigentlich nichts werden, denkt man sich. Man erwartet einen romantisch-verklärten Impressionisten-Roman mit schwachen Frauen und charmanten Männern aus gutem Hause. Eduard von Keyserlings Roman bedarf es nicht lang, um diese Vorurteile zu beseitigen, und das obwohl Rosa Herz ein leicht zu beeindruckendes, romantisierendes Mädchen ist und der junge Mann Ambrosius Tellerat tatsächlich äußerst charmant daherkommt. Die von Keyserling für diesen Roman geschaffenen Figuren sind aus gutem Grund deutlich überzeichnet – nutzt der Autor doch ganz gezielt Übertreibungen, um der „guten“ Gesellschaft mit einer gehörigen Portion Sarkasmus gnadenlos die eigene Scheinheiligkeit vor Augen zu führen.

Worum geht es eigentlich? Die siebzehnjährige Rosa Herz wächst  bei ihrem Vater in einem kleinen Städtchen auf. Die Mutter – eine Ballett-Tänzerin – ist bei der Geburt des Kindes verstorben und der Vater hat daraufhin sein Vagabunden-Tänzer-Leben an den Nagel gehängt und ist zu seiner frommen Schwester gezogen. Mit großer Anstrengung hat sich Herr Herz unter den Herren des Städtchens seine Position erarbeitet und trotz seiner Umtriebe in jungen Jahren, wird er als Teil der biederen Mittelschicht akzeptiert. Das gilt – in reduziertem Ausmaß – auch für Rosa. Wie oberflächlich diese Akzeptanz ist, wird klar, als Rosa sich in Ambrosius Tellerat verliebt. Der besucht das Städtchen und lebt bei seiner Cousine Sally und ihrer Familie, nachdem er zuvor mit einer Kunstreiterin durchgebrannt ist.

Als besonders skandalös an der Verbindung wird die Tatsache empfunden, dass die Beziehung nicht standesgemäß ist. Ambrosius –  auch für diese Figur gilt: Nomen est Omen – steht in der gesellschaftlichen Hierarchie zu weit über Rosa als dass die Beziehung akzeptiert werden könnte. Zu allem Überfluss handelt es sich bei dem gutaussehenden Jüngling auch noch um einen höchst schwachen Charakter, der sich in Rosa verliebt wähnen mag, dem allerdings die Stärke fehlt, für diese Liebe Hindernisse zu bezwingen.

Dank der Tatsache, dass Keyserling die Geschichte großzügig mit Seitenhieben auf die Gesellschaft spickt, ist Fräulein Rosa Herz ein unterhaltsamer Roman mit einer durchaus kindlichen, aber nicht nervigen, Protagonistin. Rosa Herz ist keine Anna Karenina und sie ist keine Edna Pontellier, aber man wünscht ihr dennoch Erfolg bei ihrem Versuch, mit den Konventionen ihrer Zeit zu brechen.

Kurzfazit: Eine gelungene Kombination aus deutschem Bürgertum, „The Awakening“ und „Anna Karenina“.

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