Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

Ein Suchender

Ein Kommentar

Jakob Wassermann – Faber. Oder: Die verlorenen Jahre 9783717524168_Cover

Der Erste Weltkrieg ist vorbei und Eugen Faber kehrt heim. Schon wenige Wochen nach seinem Dienstantritt ist er in russische Gefangenschaft geraten und nach fünfeinhalb Jahren in Sibirien und China hat er es nach Hause geschafft. Wobei – „nach Hause“ lenkt der frühere Architekt seine Schritte eine ganze Weile erst mal nicht. Er mietet ein Pensionszimmer, irrt durch die Stadt und steht schließlich bei seinem ehemaligen Hauslehrer Fleming vor der Tür, kurz darauf bei der Mutter und seiner Schwester Klara.

Und dann erst sieht er Martina wieder, seine Frau und Jugendliebe und den kleinen Sohn Christoph, der an den eigenen Vater keinerlei echte Erinnerung mehr hat. Die beiden leben in der selben Wohnung, die Faber noch kennt und doch ist vieles ganz anders. Martina hat angefangen zu arbeiten und das ist ein Punkt, mit dem Eugen Faber hadert, ohne dass er genau definieren kann, warum. Dass seine Frau bis spätabends außer Haus ist, dass sie mit ihrer Chefin, „der Fürstin“, nach London reist und dass sie ganz augenscheinlich völlig von ihrer Arbeit erfülllt wird, kann er kaum glauben. Fides, die sich während Martinas häufiger Abwesenheit um Christoph kümmert und die Wohnung sauber hält, versucht, dem Befremdeten Martinas Entscheidung zu erklären:

„Sie konnte nicht ausschließlich Mutter sein. Darauf war sie innerlich nicht eingerichtet; ihre eigene Person galt ihr auch was; das Problem war für sie, wie sie mit sich selber auskommen und hausen würde […] Und wie sie sich achten lernte und sich nichts schuldig blieb, und aus einem nesthütenden Weibchen ein tätiger Mensch wurde: Das war doch was…“

Während Martina sich emanzipiert hat, führt Fabers Schwester eine unglückliche Ehe, die sie scheinbar in erster Linie aufrecht erhält, weil sie so für den Unterhalt der Mutter aufkommen kann, die mit Klara, ihren Kindern und dem Mann, dem resoluten Hermann Hergesell, zusammen lebt.

Während Fabers Entwurzelung Mittelpunkt der Erzählung ist, schweift Wassermann insbesondere zu Beginn ab und lässt den Leser an Fabers Kindheit und Familiengeschichte teilhaben. Und spätestens im letzten Buchdrittel, in dem er sich verstärkt auf Fabers Mutter und Schwester konzentriert, wird deutlich, dass der Kriegsheimkehrer Faber nicht der Einzige ist, der orientierungslos umherirrt. Klara und seiner Mutter geht es ebenso. Und hätte Martina nicht die Erfüllung in ihrer Arbeit gefunden, müsste man sie auch zu dieser Gruppe rechnen. Wenn bloß die Familienmitglieder sich durch Fabers kriegsbedingte Abwesenheit nicht so sehr voneinander entfremdet hätten, könnten sie einander gegenseitig Halt geben. Aber so treibt jeder für sich in einer Zeit und Gesellschaft, die aus den Fugen geraten ist.

Dieser Heimkehrer-Roman muss in den 20er Jahren des vorangegangenen Jahrhunderts einen Nerv getroffen haben (Wassermann gehörte neben Stefan Zweig und Thomas Mann zu den meistgelesenen deutschsprachigen Schriftstellern seiner Zeit). „Die Menschheit friert“ heißt es in Faber und die Orientierungslosigkeit und das Gefühl von Ohnmacht, das die Protagonisten befällt, muss vielen der damaligen Leser bekannt vorgekommen sein. Und heute, fast 100 Jahre später, treffen viele Passagen einen ganz ähnlichen Nerv. Faber und die anderen merken, dass sie sich ständig wandeln, ständig Schritt halten müssen, damit ihnen das Hier und Jetzt nicht entgleitet. Alte Weltbilder haben keinen Bestand mehr, Probleme und Fragestellungen scheinen viel komplexer als einige Jahre zuvor…

Stellenweise schwingt viel Pathos mit in diesem Roman, aber die Aktualität der aufgeworfenen Fragen und die Charaktere, die auf den ersten Blick Schablonen zu entsprechen scheinen, auf den zweiten Blick aber Tiefgang beweisen, gleichen diese Schwäche wieder aus.

Kurzfazit: Ein „Heimkehrerroman“ aus den Zwanzigern, der erschreckend aktuell erscheint.

Ich danke dem Manesse Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares.

 

 

 

Advertisements

Ein Kommentar zu “Ein Suchender

  1. Pingback: Blogbummel April 2017 – 2. Teil – buchpost

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s