Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

Mary Shelley, die Brüder Grimm & ein Monster namens Frankenstein

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Olaf Trunschke – Die Kinetik der Lügen

kinetik-coverIm Sommer 1816 verbringt der berüchtigte Dichterfürst Lord Byron einige Wochen am Genfersee. Mit dabei: Mary  Godwin (spätere Shelley) mit dem Dichter Percy Shelley und dem gemeinsamen Kind, Marys Stiefschwester Claire und der Arzt Dr. Polidori, den Byron eigens für die Reise engagiert hat. Byron selbst hat sich nach Genf aufgemacht um einer unschönen Scheidung, bösen Gerüchten über die Beziehung zu seiner Stiefschwester Augusta und einer Vielzahl an Gläubigern zu entkommen.

 

Es ist ein kalter, stürmischer Sommer. An gewittrigen Abenden sitzt die Gruppe in der von Byron angemieteten Villa am Kamin und diskutiert. Zu Beginn sind es hauptsächlich Byron und Shelley, die sich einen Schlagabtausch nach dem anderen leisten, während der Rest der Gruppe bewundernd lauscht. Dann kommt eines Abends die Idee auf, dass jeder Gruselgeschichten schreibt und diese den anderen vorstellt. Polidori wird eine Vampirgeschichte schaffen, die später das Genre des Vampirromans begründet (und die lange Zeit Byron zugeschrieben wird). Doch die Gruppe, insbesondere Byron, ist begeistert von Marys Idee: ein gewisser Dr. Frankenstein kreiert einen künstlichen Menschen… Mary Shelley hat später behauptet, die Idee zu der Geschichte sei ihr in einem Wachtraum gekommen. Trunschke deutet eine ganz andere Inspirationsquelle an: die Brüder Grimm, von denen ein Manuskript mit einer ähnlichen Geschichte Marys Stiefmutter vorliegt… Die Idee, Leben zu erschaffen ist gerade en vogue – 1780 hat Luigi Galvani nämlich demonstriert, dass Froschschenkel zum Zucken gebracht werden können, wenn man sie mit Drähten aus unterschiedlichen Metallen berührt (und so einen Stromkreis herstellt; allerdings wusste das der gute Mann nicht). Diese Erkenntnis begeisterte die Menschen im ausgehenden 18. Jahrhundert und bald wurden auch Menschenleichen mit dieser Methode zum Zucken gebracht…

200 Jahre später begibt sich ein Dokumentarfilmer auf Spurensuche. Dabei ist er eigentlich vor Ort um eine Dokumentation rund um das CERN und den Teilchenbeschleuniger zu drehen. Weil die Maschine defekt ist, wendet er sich der Geschichte rund um die Entstehung des Frankenstein zu. Seine Kontaktperson im CERN – die schöne und geheimnisvolle Maria – macht ihn mit einigen ihrer Freunde bekannt, die ihm von ihrem Verdacht berichten, dass Mary Shelley nicht wirklich die Mutter Frankensteins ist… In dieser Gruppe wird die selbe Frage aufgeworfen, die sich auch Byron und seine Freunde 200 Jahre früher gestellt haben: Wo sollten dem menschlichen Forschungsdrang Grenzen gesetzt werden?

Schleichend vermischt Trunschke beide Erzählstränge, verwischt zeitliche Grenzen und würfelt zum Schluss eine ganze Menge Zeitebenen und Charaktere bunt durcheinander. Und eigentlich ist das doch auch ganz schlüssig – wo sonst würde sich das Raumzeitkontinuum verschieben wenn nicht in unmittelbarer Nähe des Large Hadron Collider, des weltstärksten Teilchenbeschleunigers, von dem sich Forscher unter anderem Hinweise auf die Natur Dunkler Materie erhoffen?

Die Kinetik der Lügen ist eine sehr dicht gewebte Geschichte, die sich über Regeln von Raum und Zeit hinwegsetzt und gleichzeitig eine literarische Spurensuche und essentielle Ethik-Fragen der Menschheit ins Spiel bringt. Trotz seines fragmentarischen Erzählstils verliert Trunschke nie den Faden und bringt auch noch sprachliche Schönheiten hervor. Das können quasi unachtsam hingeworfene Sätze sein, die einen ansonsten ganz unauffälligen Absatz verzieren, oder komplette Passagen, die man vorlesen will um sie sich so auf der Zunge zergehen zu lassen:

Welch ein Drama! – Byron stand auf dem Balkon, der Sturm zerrte an seinem Halstuch, fegte ihm wie ein grober Besen durch die Haare. Die Blitze kreuzten sich überm See, als bewürfen die Götter einander mit glühenden Speeren. Von den Felsen des Jura rollten die Donnerschläge heran, für Sekunden entrissen die Blitze dem Dunkel schroffe Felsen, riesige Kiefern: das Gerippe der Landschaft. Dann legte sich die Nacht wieder wie Ruß übers Land. Welche Finsternis: kein Mond. Die Sonne wohl für immer erloschen. Irgendwo, ziellos die Sterne. – Würde es jemals wieder Tag?

Diese gelungene Kombination macht den Roman zu einem unterhaltsamen und beeindruckenden Erlebnis, dem man sich gerne auch ein zweites oder drittes Mal hingibt. Ich bin sicher, bei jedem erneuten Lesen lassen sich neue Dinge entdecken.

Kurzfazit: Literarische Spurensuche und Ethikfragen verpackt in sprachlicher Schönheit. Sehr gelungen!

Lieblingssatz: „Der Regen hatte eine Teepause eingelegt.“ (Mehr Lieblingssätze findest du hier).

Ich danke dem Homunculus Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares.


Übrigens: Das Buch gibt es beim Buchhändler deines Vertrauens oder kann hier über Amazon bestellt werden.

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