Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

Ein Abend mit T.C. Boyle (lit.COLOGNE Preview-Veranstaltung)

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T.C.Boyle ist nicht nur ein herausragender Schriftsteller; er ist auch bekannt für seine großartigen Lesungen.

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T.C. Boyle im Musical Dome – „heller Punkt auf blauer Bühne“

Scheinbar mühelos unterhält er seine Zuschauer mit Schlagfertigkeit und trockenem Humor und entpuppt sich als großartiger Vorleser. Im Anschluss signiert er außerdem nicht nur jedem, der darum bittet, das Buch, sondern nimmt sich immer noch die Zeit für einen kurzen Wortwechsel. Und wenn so einem, der sowieso schon wirklich gute Bücher schreibt, dann auch noch der Ruf vorauseilt, tolle Lesungen zu veranstalten, dann kann man mit ihm auch schon mal den Musical Dome füllen. Und obwohl Boyle für Zuschauer auf den Balkonen kaum mehr als ein heller Punkt auf blauer Bühne war, wickelte er das Publikum in wenigen Minuten um den kleinen Finger.

 

In erster Linie ging es Montagabend um Boyles neuestes Werk Die Terranauten. Basierend auf einem tatsächlich durchgeführten Experiment erzählt der Roman davon, wie vier Frauen und vier Männer in einer künstlich geschaffenen Ökosphäre unter Glas leben und arbeiten. Zwei Jahre lang sollen sie ohne Hilfe von außen überleben… Meine ausführliche Rezension zu diesem Buch findet ihr hier.

 

Die Terranauten sind Ende letzten Jahres in den USA veröffentlicht worden; seit Anfang 2017 gibt es sie auch auf Deutsch zu kaufen. Aber Boyle denkt gar nicht daran, jetzt zu pausieren – der nächste Roman liegt seinem Verlag bereits vor, auch ein zweiter ist fast fertig. Sein Verlag habe ihm bereits geraten, es etwas langsamer angehen zu lassen, erzählt er. Ob er diesem Rat folgen werde, fragt Philipp Schwenke, der den Abend moderiert „Actually, I wrote two new books on the plane coming over“ witzelt Boyle.

Schwenke will wissen, ob Boyle sich vorstellen könne, selbst zwei Jahre lang unter Glas zu leben. Boyle winkt ab – dazu sei er zu naturverbunden. Er gerät ins Schwärmen und erzählt von seiner Hütte in der Sierra Nevada, in der er manchen Sommer mit seiner Familie verbracht hat und in die er sich manchmal wochenlang zurückzieht um die Vormittage schreibend und die Nachmittage die Natur durchstreifend zu verbringen. Er erinnert sich an einen lauen Sommerabend, an dem er vor der Hütte mariniertes Huhn grillt. Aus dem Wald tritt eine Bärenmutter mit ihrem Kind – beide halten die Nase in die Luft und schnuppern sich dem Huhn entgegen. Da dreht der Wind und trägt Boyles Menschengeruch zu ihnen. Blitzschnell verschwinden beide wieder im Gehölz. So angsteinflößend eine solche Begegnung sei – das sei „echte“ Natur, die sich nicht unter Glas nachbauen ließe. Außerdem würde er wahrscheinlich seine Mit-Terranauten in den Wahnsinn treiben. Nicht jeder hielte es mit ihm aus – er sei schließlich „perfectionist and dictatorial“. Seine Frau (die er „Frau Boyle“ nennt) habe da eine ganz eigene Methode entwickelt: „She is deaf to the frequency of my voice“.

Speaking of dictatorial… Kurz vor Ende lenkt Philipp Schwenke das Gespräch in politische Gefilde. Wie Boyle denn zu Donald Trump stehe? Dieser „Clown from reality tv“ erwidert Boyle, stehe für alles, was seinen Überzeugungen zuwiderlaufe: „I believe in women’s rights, I believe in multiculturalism, I believe in protecting the environment.“ Szenenapplaus. Boyle fährt fort: Insbesondere in Umweltfragen werde Trump, dessen Wahlsieg er mehrmals als „catastrophic“ bezeichnet, die Vereinigten Staaten um ein Jahrhundert zurückwerfen. Für seine Verhältnisse redet Boyle sich nachgerade in Rage: „Lady Gaga is more qualified for the job than this pumpkin head“ und sowohl für Trump als auch George W. Bush gelte: „I wish them swift extinction.“

Ob er nicht einen Roman über eine Person wie Trump schreiben wolle, fragt Schwenke. Nein – „I refuse to have my creativity hijacked by this clown.“ Höchstens, vielleicht, eine Kurzgeschichte. Aber wenn er nun doch einen Roman über eine Trump-Figur schreibe, hakt Schwenke nach, wie würde der erste Satz lauten? Boyle denkt kurz nach und sagt dann: „My death was horrible.“

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Mehr als eine Stunde nimmt sich Boyle Zeit zum Signieren und Smalltalk

Dann wechselt er das Thema, erzählt eine letzte Anekdote aus der Sierra Nevada – einem Beinahe-Zusammentreffen mit einem Berglöwen. Da kommt ihm eine Idee: Vielleicht lädt er Donald Trump mal auf einen Spaziergang ein und führt ihn zu dem Berglöwen…

Und dann, ganz zum Schluss, nimmt sich T.C. Boyle tatsächlich die Zeit und signiert Bücher. Mehr als 1.500 Menschen finden im Musical Dome Platz. Nicht alle stellen sich in der Schlange an, aber es sind doch so viele, dass sich auch eine Stunde nach Veranstaltungsende noch eine respektable Schlange durch das Foyer windet. Im Vorfeld wurde darauf hingewiesen, dass aufgrund der vielen Leute keine persönlichen Widmungen und keine gestellten Bilder möglich sind, weil es sonst einfach zu lange dauern würde. Aber auch an diesem Abend lässt Boyle es sich nicht nehmen, mit jedem der Leute einige Worte zu wechseln.

 

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