Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

Mehr Spannung im Titel als im Buch selbst

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Gerhard Jäger: Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod

Dr. Max Schreiber ist ein junger Historiker, der im Herbst 1950 in einem abgeschiedenen Tir9783896675712_coveroler Bergdorf eintrifft. In diesem Dorf scheint die Zeit still zu stehen – nur langsam findet die fortschreitende Modernisierung ihren Weg nach oben. Bei den Dorfbewohnern handelt es sich um eine schweigsame, verschworene Gemeinde. Fremden und Fremdem steht man skeptisch gegenüber und dass dieser Dr. Schreiber zu einem Verbrechen forschen will, das im 19. Jahrhundert im Dorf begangen wurde, macht die Sache nicht besser. Eine Hexe soll seinerzeit verbrannt worden sein und auch wenn von den mutmaßlichen Tätern von damals keiner mehr lebt will keiner der Dorfbewohner, dass diese Geschichte ans Licht gezerrt wird. Als sich Schreiber dann auch noch in die stumme Maria verliebt, auf die eigentlich einer der Bauernsöhne aus dem Dorf ein Auge geworfen hat, droht die Situation zu eskalieren. In der Zwischenzeit ist der Winter hereingebrochen und ins Land gegangen; das Dorf ist eingeschneit und die ersten Lawinen brechen sich ihren Weg ins Tal.

Mehr als 50 Jahre später macht sich ein alter Herr auf den Weg um Schreibers Spuren zu folgen. Häppchenweise bietet Gerhard Jäger dem Leser Ausschnitte aus Schreibers Manuskript zu seiner Zeit in dem Bergdorf und Erinnerungen des alten Herren. Schreiber ist kurz vor seiner Ankunft im Dorf von seiner Freundin verlassen worden; die Lebensgefährtin des alten Herren ist vor nicht allzulanger Zeit verstorben. Beide Männer trauern also während ihrer Spurensuche ihrer jeweiligen Beziehung nach und lassen den Leser in Ausschnitten daran teilhaben.

Streckenweise irritiert der zweite Erzählstrang rund um den alten Herren. Diese Geschichte hätte deutlich dichter und spannender erzählt werden können, denkt man sich während des Lesens. Es dauert lange, bis klar wird, was sich der Autor dabei gedacht hat und auch wenn die Herangehensweise dann einen Sinn ergibt, bleibt doch das Gefühl zurück, dass mit dieser Idee deutlich mehr hätte gemacht werden können und weniger von dem ganzen Drumherum nötig wäre.

Das ungeheure Potential, das ein abgeschiedenes Alpendorf im Winter für einen spannenden Roman birgt, hat Thomas Willmann in Das finstere Tal eindrucksvoll gezeigt. Und an Willmann kommt Jäger leider einfach nicht heran. Willmanns Sprache ist poetisch und kunstvoll; mit scheinbar wenig Mühe schafft sie cineastische Szenen. Auch Willmanns Held, der in ein abgeschiedenes Alpendorf kommt, erinnert sich an Szenen aus der Vergangenheit, doch Willmann vermag es, diese Hintergrund-Story in knappen Andeutungen zu erzählen, während Jäger zu weit ausholt und so den Spannungsaufbau wieder und wieder unterbricht, sodass kurz vor dem „Finale“ nur ein winziger Rest an Spannung erhalten bleibt.

Insgesamt ist Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod eine Geschichte mit interessanten Ansätzen, die leider nicht konsequent bis zum Ende durchgeführt werden. Wer Willmanns Das finstere Tal nicht kennt, mag Jägers Geschichte etwas mehr abgewinnen, doch im direkten Vergleich kann sie einfach nicht bestehen. Schade.

Kurzfazit: Die Geschichte in Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod kann mit ihrem dramatischen Titel nicht ganz Schritt halten.

Ich danke dem Blessing Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares.


Die Rezension zu Thomas Willmanns Das finstere Tal findet ihr hier:

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