Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

„Sede Vacante“

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Robert Harris – Conclave (Konklave)

Der Papst ist tot. Als Kardinaldekan Lomeli gegen 2 Uhr morgens in die päpstlichen Räume gerufen wird hofft er, den Heiligen Vater noch ein letztes Mal lebend zu sehen. Doch nicht nur ist der Papst bereits verstorben – Lomeli ist auch einer der letzten, der gerufen wurde. Das macht ihn stutzig – er ist Vorsitzender des Kardinalkollegiums und hat viele vertraute Stunden mit dem Papst verbracht. Unter den fast zwei Dutzend Anwesenden finden sich drei weitere Kardinäle: der Kanadier Joseph Tremblay, Aldo Bellini und Joshua Adeyemi.

conclave

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Tremblay weiß sich äußerst geschickt vor Kameras in Szene zu setzen („He looked like a retired athlete who had made the successful transition to television sports presenter“) und die Medien wittern in ihm schnell den ersten nordamerikanischen Papst. Bellini ist bis zum Tod des Papstes Kardinalstaatssekretär gewesen; er ist bewandert in allen vatikanischen Angelegenheiten, ist bei den meisten Kardinälen sehr beliebt und galt als ein Favorit des alten Papstes. Lomeli ist sich in diesen Stunden sicher, dass Bellini der neue Papst sein wird. Der Nigerianer Adeyemi, Vorsitzender des obersten Buß- und Gnadenamtes der katholischen Kirche und Beichtvater des Papstes, verliert auch hier nicht seine salbungsvolle Art und selbst unter Ausschluss der Öffentlichkeit inszeniert er sich als ein wahrer „Prince of the Church“.

„Sede Vacante“ – „Der Stuhl ist leer“. Mit diesen Worten durchtrennt Tremblay den päpstlichen Ring. Um diesen Zeitraum in dem der Heilige Stuhl unbesetzt ist (die „Sedisvakanz“) geht es in dem neuen Roman von Robert Harris. Angesiedelt ist die Geschichte in naher Zukunft; der Papst – der laut Hinweis des Autors zu Beginn ebenso wie alle anderen Personen fiktiv ist – hat die Kirche gespalten mit seinen oft liberalen Auffassungen und seiner Forderung, die Kirchenoberen müssten sich verstärkt wieder der  Bescheidenheit und Armut verschreiben. Die konservative Flanke sieht nun ihre Chance gekommen, endlich wieder einen „vernünftigen“ Papst einzusetzen. Viele der anwesenden Elektoren waren nicht allzuglücklich mit der päpstlichen Kritik an ihren pompösen Lebensstilen. Schnell bilden sich Splittergruppen – manche entlang Herkunftsregionen (viele der afrikanischen Elektoren wünschen sich Adeyemi als neuen Papst, während die meisten der Nordamerikaner geschlossen hinter Tremblay stehen). Die Italiener sind gespalten – die einen wünschen sich den konservativen Erzbischof Tedesco aus Mailand, die anderen sehen in Bellini – dem liberalen Intellektuellen – den Heilsbringer. Und immer mehr scheinen sich auf die Seite von Lomeli zu stellen, der aber doch gar nicht Papst werden will, oder?

R. Harris bei der litCOLOGBE (F. Wächter, Lesemanie)

Robert Harris auf der lit.COLOGNE im März 2016. Meinen Bericht dazu findet ihr hier.

Der Machtkampf, den Harris dort entspinnt, sucht seinesgleichen. Es ist Lomelis Aufgabe, die Konklave zu organisieren und so werden Informationen und Wissen an ihn herangetragen, die ihn oft in Zwiespalt bringen. Er erfährt Dinge, die er nicht für möglich gehalten hätte und lernt auch den verstorbenen Papst noch einmal in ganz neuem Licht kennen. Und Harris wäre nicht Harris, wenn er es nicht auch schaffen würde, die Außenwelt in die Abgeschlossenheit der Konklave eindringen zu lassen…

Das Buch lässt sich kaum aus der Hand legen. Knapp drei Tage dauert die Wahl und der Roman erstreckt sich über nur wenig mehr Zeit und doch reiht Harris ein Ereignis eng an das andere und lässt weder dem armen Lomeli noch dem Leser viel Zeit zum Atmen. Das Ergebnis ist ein spannender Politthriller, der sich zügig liest und mit einigen zynischen Beobachtungen und Bemerkungen wirklich ins Schwarze trifft. Zugleich macht Harris nicht den Fehler, ins Klamaukhafte oder Tratschige abzurutschen – die Kirchenfürsten sind nicht überzeichnete Friar Tuck-Figuren, sondern mehrschichtige Persönlichkeiten mit eigener Agenda und Motivation.

 

Kurzfazit: Man nehme machthungrige Männer und einen toten Papst. Das Ergebnis: Ein spannender Politthriller.


Falls dich dieses Buch interessiert, gefällt dir vielleicht auch eine der folgenden Rezensionen zu den Hörbuchversionen von Robert Harris‘ Cicero-Trilogie:

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