Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

Meister seines Fachs

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Stefan Zweig – Buchmendel // Die unsichtbare Sammlung (Topalian & Milani Verlag)

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Das Buch kann hier bestellt werden.

Der Verlag Topalian & Milani hat zwei Erzählungen von Stefan Zweig in einer liebevoll gestalteten Ausgabe neu aufgelegt.

Buchmendel

Der Erzähler flieht vor einem Regenguss in ein Café. Nach einer Weile fällt ihm auf, dass er es kennt. Vor Jahren ist er als junger Student mit einem Kommilitonen hier gewesen weil er auf der Suche nach einem schwer zu beschaffenden Buch war. Für diese Suche hat er Unterstützung von „dem Buchmendel“ erhalten. Dabei handelte es sich um Jakob Mendel, einen „Magier und Makler der Bücher“, der jahrelang an einem chaotischen Marmortischchen in einer Ecke dieses Cafés saß und bei der Suche nach den absurdesten Büchern helfen konnte. Kein Buch, dessen antiquarische Eckdaten er nicht im Kopf hatte und besorgen konnte. Als der Erzähler sich Jahre später dessen entsinnt, sucht er Buchmendels Tisch, doch der Mann ist nicht da.

Sowohl der Besitzer als auch der Oberkellner im Café haben gewechselt, doch die Toilettenfrau war auch vor Jahren schon da und sie erzählt, wie es dem Buchmendel in den letzten Jahren ergangen ist. Der war nämlich derart vertieft in seine Bücher, dass er den Kriegsausbruch nicht mitbekommen hat und das soll ihm später zum Verhängnis werden.

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„Buchmendel“ illustriert von Joachim Brandenberg

Buchmendel ist eine tieftraurige Erzählung, die auf wenigen Seiten nicht nur ein tragisches Einzelschicksal seziert, sondern auch auf den unaufhaltsamen Lauf der Dinge anspielt und darlegt, wie auf vielfältige und unerwartete Art und Weise selbst ein weit weg scheinender Konflikt ein ganzes Leben zur Tragödie umwandelt.

Illustriert wird die Erzählung durch Bilder des Offenbacher Buchkünstlers Joachim Brandenberg, die Zweigs Worten noch mehr Wucht verleihen. Wunderschön tragisch.

Lieblingssatz(segment): „… ein kostbares Buch in der Hand haben zu dürfen bedeutete für Mendel, was für einen anderen die Begegnung mit einer Frau.“

Die unsichtbare Sammlung

In den 1920er Jahren, während die Inflation grassiert und sich Neureiche an ihrem neuen Wohlstand berauschen, ist der Erzähler – ein Kunstantiquar – händeringend auf der Suche nach Kunst um die Nachfrage zu befriedigen. Eine Durchsicht der Kundenkartei bringt ihn auf die Spur eines alten Kunden, der schon bei seinem Vater eingekauft hat, nun aber seit Jahren nicht mehr im Laden war. Der Erzähler selbst kennt den Kunden nicht persönlich, doch die Stücke, die dieser über Jahre hinweg angesammelt hat, ergeben eine bedeutende Sammlung. In der Hoffnung, einige der Kunstwerke für den anschließenden Wiederverkauf günstig zurückkaufen zu können, macht sich der Antiquar auf den Weg.

Als er dem Kunden gegenüber steht wird ihm klar, warum er seit Jahren keine neuen Kunstwerke mehr erstanden hat – der Mann ist blind. Das tut seiner Begeisterung für die Kunst jedoch keinen Abbruch. Glühend schwärmt er von seiner Sammlung, er drängt darauf, sie dem Kenner zu zeigen. Als die Mappen vor den beiden Männern liegen und der Blinde voller Stolz beginnt, Blatt um Blatt herauszuheben und vorzustellen, macht der Antiquar eine erschütternde Entdeckung.

Die unsichtbare Sammlung ist eine leichtfüßige Farce, die dem Leser mühelos Tränen in die Augen treibt. Eine unvergessliche Novelle, die unter Beweis stellt, dass Stefan Zweig tatsächlich ein Meister seines Fachs war. Die Illustrationen für diese Erzählung hat der Illustrator Florian L. Arnold mit Tuschfeder, Radierplatte und Glaszeichnung hergestellt. In ihnen lässt sich mindestens genau so viel entdecken wie in der Erzählung Zweigs.

Lieblingssatz: „Unvergeßlich war mir der Anblick: dies frohe Gesicht des weißhaarigen Greises da oben im Fenster, hoch schwebend über all den mürrischen, gehetzten, geschäftigen Menschen der Straße, sanft aufgehoben aus unserer wirklichen widerlichen Welt von der weißen Wolke eine gütigen Wahns.“

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„Die unsichtbare Sammlung“ mit Illustrationen von Florian L. Arnold

Ich danke dem Topalian & Milani Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares.

 

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