Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

Eine glasklare Sache?

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Meinen Leseherbst 2016 widme ich Hercule Poirot, dem belgischen Privatdetektiv aus Agatha Christies Feder (s. hier).
Im dritten Teil dieser Serie stelle ich „Sad Cypress“ vor („Morphium“).

cypressElinor Carlisle ist jung, sehr schön und lebt in Erwartung einer großzügigen Erbschaft durch ihre Tante ein komfortables Leben. Gefühlsaufwallungen kontrolliert sie gekonnt; insbesondere ihre stürmische Liebe für den angeheirateten Cousin Roddy unterdrückt sie nach außen hin um den jungen Mann nicht zu verschrecken. So planen die beiden, zu heiraten, aber die ganze Beziehung wirkt eher vernünftig als leidenschaftlich. In Elinors Innerem jedoch brodelt es und als sie mit Roddy ans Bett der kranken Tante eilt, weil eine anonyme Botschaft sie warnt, dass die Tochter des Pförtners zur Erbschleicherin werden könnte, erhascht der behandelnde Arzt einen feurigen Blick, mit dem Elinor die junge Mary Gerrard bedenkt als sie sich unbeobachtet wähnt. Jener Arzt, Peter Lord, ist wie vom Donner gerührt als er Elinor das erste Mal sieht und obwohl er gesehen hat, dass Elinors beherrschte Art nur Fassade ist, verfällt er ihr sofort.

Es scheint tatsächlich so zu sein, dass Mary Gerrard Elinors Tante in den letzten Monaten zumindest so ans Herz gewachsen ist, dass sie nach Ableben der reichen Dame versorgt werden soll. Unbedingt soll ein Anwalt her, scheinbar will die Sterbende ihr Testament noch  dementsprechend anpassen. Außerdem verfällt Roddy der jungen Frau auf den ersten Blick; sie wird der Grund sein, dass er und Elinor ihre Verlobung auflösen. Als Mary nach einem gemeinsam mit Elinor eingenommenen Mittagssnack stirbt, fällt der Verdacht daher sofort auf die kühle Elinor und große Teile des Romans spielen sich vor Gericht ab. Peter Lord ist verzweifelt und er wendet sich an Hercule Poirot – er soll in dieser ausweglosen Lage, in der alle Zeichen darauf hindeuten, dass Elinor nicht nur Mary Gerrard sondern vielleicht sogar ihre Tante ermordet hat, beweisen, dass dem nicht so ist. Poirot verspricht, sich umzuhören, warnt den Arzt jedoch: sollten seine Nachforschungen ergeben, dass die junge Frau tatsächlich schuldig ist, so wird er nicht das Gegenteil behaupten. Das gefällt dem Landarzt gar nicht, dem unter allen Umständen ein Freispruch am Herzen liegt, aber er willigt ein und so macht sich der kleine Belgier mit dem Eierkopf ans Werk.

Im Gegensatz zu vielen anderen Christie-Büchern, springt die Erzählung hier zwischen verschiedenen zeitlichen Ebenen hin und her: einige Szenen spielen vor Gericht nach dem Mord (oder den Morden?), einige davor und währenddessen. Wieder andere Szenen erzählen von Poirots Nachforschungen parallel zum Gerichtsverfahren. Christie hat sich bei diesem Roman dagegen entschieden, einen Ich-Erzähler einzusetzen und sie nutzt die allwissende Erzählstimme gekonnt um Elinors Gefühle und Gedanken punktuell mit einfließen zu lassen und dadurch zusätzliche Verwirrung beim Leser zu stiften.

Die Reaktionen auf Sad Cypress waren nach dem Erscheinen 1940 durchwachsen und eher verhalten und bis heute scheint das Buch nicht alle zu überzeugen. Das mag unter anderem liegen, dass die Struktur so stark von anderen Christie-Krimis abweicht. Von Aufbau her ist es kein „typischer Poirot“. Mir gefiel es allerdings – es brachte Abwechslung in meinen Poirot-Leseherbst und bis zum Schluss brannte ich darauf, endlich zu erfahren, wie sich alles tatsächlich abgespielt hatte.

Kurzfazit: Ein ungewöhnlicher aber packender Poirot.

cypress-illustration

Zwischen 1939 und 1940 wurde Sad Cypress in 10 Teilen in dem amerikanischen Magazin Collier’s angedruckt – eindrucksvoll illustriert von Mario Cooper.


Interesse geweckt? Hier kannst du den englischen Roman auf Amazon bestellen. Alternativ findet sich Hercue Poirot mit Sicherheit auch beim Buchhändler deines Vertrauens.

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