Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

Ein Sommer lang

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Die siebzehnjährige Mari wird von der Mutter unterjocht – tagein und taghotelirisaus schuftet sie im Hotel Iris, das der Familie nun in zweiter Generation gehört und das seine besten Tage eigentlich hinter sich hat. Es ist beileibe nicht die erste Adresse am Ort, doch insbesondere im Sommer füllen sich die Zimmer, denn in den heißen Monaten wird der kleine Ort am Meer von Touristen bevölkert. Mari arbeitet hart ohne dafür ein freundliches Wort oder wirkliche Anerkennung durch ihre Mutter zu erfahren. Der alkoholkranke Vater ist tot, die Schule hat sie abbrechen müssen um im Hotel auszuhelfen und für Freunde oder Freizeit hat sie kaum Luft.

Und dann tritt der Übersetzer in ihr Leben, ein älterer Mann, dessen Autorität sie fesselt. Immer öfter lügt sie, um dem Hotel zu entkommen und den Mann in seinem einsamen Haus auf der dem Strand vorgelagerten Insel zu besuchen. Dort wandelt sich der sonst so freundliche Mann, der immer akkurat und selbst bei der größten Hitze im Anzug durch die Stadt läuft: er quält seine junge Geliebte, die sich mehr und mehr nach den Schmerzen sehnt, die er ihr antut. Zugleich versucht sie dem Geheimnis auf die Spur zu kommen, wie die Frau des Übersetzers vor Jahren ums Leben gekommen ist. Als sie einen Verwandten des Mannes kennenlernt, erfährt sie mehr, doch zeitgleich droht ihre Beziehung zu eskalieren.

Yoko Ogawas Romane zeichnen sich durch ihre Leichtigkeit aus und die Unaufgeregtheit, mit der sie dem Leser dramatische Szenen serviert. Ihre Sprache ist klar, die Sätze nicht durch unnötige Adjektive oder sperrige Konstruktionen aufgeplustert Das macht selbst detaillierte Beschreibungen masochistischer Sexpraktiken zwischen einer Siebzehnjährigen und einem über Siebzigjährigen erträglich. Zugleich konstruiert sie ihre Charaktere überlegt und glaubwürdig und sie beweist ein gutes Gespür dafür, wann ein Erzählstrang seinen Zweck erfüllt hat und eine Wendung im Geschehen angemessen ist.

Mir persönlich gefiel Ogawas Roman Schwimmen mit Elefanten deutlich besser – die Geschichte um den kleinen Aljechin lässt den Leser mit einem wehmütigen Lächeln zurück (und deutlich weniger verstört als Hotel Iris). Zwar ist Mari keine unangenehme Protagonistin und Erzählstimme, aber während sie eher Mitleid weckt, katapultiert sich der kleine Aljechin schnell mitten ins Leserherz. Beide Geschichten vereint jedoch eine gewisse Tragik, die insbesondere in Hotel Iris hervortritt: den toten Vater vermissend und von der Mutter Zeit ihres Lebens tyrannisiert treibt Mari scheinbar zwangsläufig in diese dunkle Beziehung und trotz mehrer Wendungen erhascht sie kaum mehr als einen kurzen Augenblick wahrer Zärtlichkeit. So bleibt man nach Ende der Lektüre zurück und fragt sich, ob dieses arme Mädchen an einem späteren Zeitpunkt ihres Lebens das Glück findet, das ihre Erschafferin ihr in dieser Geschichte, die einen Sommer ihres Lebens beschreibt, verwehrt. Man würde es ihr wünschen.

Kurzfazit: Unaufgeregte Sprache, wohlplatzierte Wendungen und eine mitleiderregende Protagonistin.

Ich danke dem Aufbauverlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares.


Neugierig auf Schwimmen mit Elefanten geworden? Die Rezension dazu gibt es hier.

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