Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

Auf der Suche nach neuen Namen und einem besseren Leben

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NoViolet Bulawayo – We Need New Names (Wir brauchen neue Namen)

68.Noviolet-Bulawayo-We-Need-New-Names

Das Buch kann hier im englischen Original oder hier in deutscher Übersetzung bestellt werden. Alternativ erhältst du es beim Buchhändler deines Vertrauens.

Die zehnjährige Darling und ihre Freunde wohnen in Paradise, einem Slum in Simbabwe. Die meiste Zeit durchstreifen sie die Umgebung und wenn der Hunger sie übermannt und zu Hause nichts zu essen ist, schleichen sie sich nach Budapest, ein wohlhabendes Viertel. In den gepflegten Vorgärten hängen dort Guaven an den Bäumen. Der elfjährigen Freundin Chipo müssen sie dabei immer ein wenig mehr helfen – sie ist schwanger und ihr wachsender Bauch stört beim Rennen und Klettern. Angaben zum Vater macht Chipo lange Zeit nicht – überhaupt spricht sie monatelang kein Wort.

Abwechslung in den Alltag bringt der monatliche Besuch der Vertreter von Hilfsorganisationen. Sie verteilen dringend benötigte Nahrung an die Erwachsenen und Spielzeug an die Kinder. Die wenigsten von ihnen sprechen die Landessprache und so beschränken sie sich darauf, Fotos zu machen:

„They don’t care that we are embarassed by our dirt and torn clothing, that we would prefer they didn’t do it; they just take the pictures anyway, take and take. We don’t complain because we know that after the picture-taking comes the giving of gifts […] we can see that even though they are giving us things, they do not want to touch us, or for us to touch them…“

Darling fungiert als Ich-Erzählerin und NoViolet Bulawayo hat ihr eine Stimme verliehen, die ihre Kindlichkeit auch trotz scharfsinniger Feststellungen nicht verliert. Wenn Darling Beobachtungen wie die über die Mitarbeiter der Hilfsorganisation anstellt, dann tut sie das ohne Wertung und diese kindlich vorgetragenden Bemerkungen treffen den Leser bis ins Mark. Darling wird im Laufe des Buches älter und gekonnt passt Bulawayo ihre Erzählweise an. Der Teenager Darling, der bei seiner Tante in den U.S.A. erwachsen wird, benutzt eine andere Sprache und ist deutlich kritischer in der Bewertung von Ereignissen, als das zehnjährige Mädchen, das den Beginn des Buches erzählt.

Bulawayos Sprache ist beeindruckend. Vor allem die Vergleiche und Adjektive, die sie benutzt, machen das Buch zu einem Sprach-Vergnügen, ungeachtet dessen, dass was beschrieben wird, oft trostlos und traurig anmutet. Ein Paradebeispiel hierfür ist Darlings Beschreibung des Friedhofs Heavenway, der sich insbesondere aufgrund der vielen AIDS-Toten immer schneller füllt:

„Heavenway is mounds and mounds of red earth everywhere, like people are being harvested, like death is maybe waiting behind a rock with a big bag of free food and people are rushing, tripping over each other to get to the front before the handouts run out. That is how it is, the way the dead keep coming and coming.“

Ganz besonders deutlich wird jedoch vor allem in der zweiten Hälfte des Buches, dass dieser Roman nicht das Ziel hat, Mitleid zu erregen. Im Gegenteil – Konversationen mit Amerikanern Revue passieren lassend, prangert Darling wiederholt die westliche Überheblichkeit und die Pauschalisierung der „armen Afrikaner“ an. Während die Zehnjährige noch mit leichter Ratlosigkeit über das Verhalten der Mitarbeiter der Hilfsorganisation nachdenkt, versteht die Sechzehnjährige die nicht vollendeten Sätze und Andeutungen sehr gut und die Ignoranz macht sie wütend und traurig.

NoViolet Bulawayo verknüpft locker Episoden eines noch jungen Lebens, das bereits zwei Kontinente umspannt. We need new names ist mehr als eine reine Coming-of-age-Story. Es thematisiert das Erwachsenwerden in Simbabwe und den USA ebenso wie das verzweifelte Gefühl der Entwurzelung von Migranten der ersten Generation, deren Kinder den Sitten des neuen Heimatlandes folgen und deren Verwandte zu Hause einen nicht mehr verstehen. Der mehrseitige Monolog, den sie kurz vor Ende des Buches einschiebt, bringt all dies noch einmal eindrucksvoll auf den Punkt:

„How hard it was to get to America […] for the visas and passports, we begged, despaired, lied, groveled, promised, charmed, bribed – anything to get us out of the country. […] Instead of going to school, we worked. Our Social Security cards said Valid for work only with INS authorization, but we gritted our teeth and broke the law and worked; what else could we do? […] And because we were breaking the law, we dropped our heads in shame; we had never broken any laws before. We dropped our heads because we were no longer people; we were now illegals […] We worked with dangerous machines, holding our breath like crocodiles underwater, our minds on the money and never on our lives […] We got sick but did not go to hospitals, could not go to hospitals. We swallowed every pain like a bitter pill, drank every fear like a love potion, and we worked and worked…“

Kurzfazit: Eindrucksvoller Debutroman mit einer Protagonistin, die man nicht so schnell vergisst.

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