Lesemanie

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Schurkenparade

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Martin Thomas Pesl – Das Buch der Schurken

Was wPesl_Buch-der-Schurken_Cover_Webäre eine Geschichte ohne einen Gegenspieler zu ihrem Helden? Sie würde wohl recht öde anmuten und den Leser kaum wirklich packen. Schurken sind das Salz in der Suppe – wohltemperiert geben sie der Erzählung den Kick um im Gedächtnis zu bleiben. Zu schwach dosiert verfehlen sie diese Wirkung und sollten sie zu dominant sein, können sie die Suppe auch versalzen. Kurz: mit dem Schurken steht und fällt eine Geschichte.

In seinem Buch der Schurken setzt Martin Thomas Pesl diesen Figuren nun ein Denkmal – in Form von 100 Lexikoneinträgen zu nicht so netten Figuren aus Romanen aus aller Welt. In der Einleitung zu seinem Werk definiert er den Begriff der seiner Arbeit zugrunde liegt:

„Die Definition von Schurke umfasst natürlich Schurken und Schurkinnen, Bösewichte, Unsympathen, Antagonistinnen, Fieslinge, Gauner, Egomanen, üble Hunde und sonstige widrige Mächte. Sie wollen jemandem Böses oder sich selbst – und nur sich selbst – Gutes.“

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Die böse West-Hexe (c) Kristof Kepler

Einen derart riesigen Fundus auf eine „Top 100“ einzudampfen ist eine beachtliche Leistung. Und Pesl hat sich dafür eine Reihe Regeln auferlegt, die das Resultat umso interessanter machen: dazu gehört an erster Stelle der Versuch, eine gewissen Balance zu wahren zwischen bekannten und unbekannten Charakteren, männlichen und weiblichen Personen, sowie zwischen den  verschiedenen Sprachen und Regionen der Welt. So ist diese Hitparade nicht zu einem reinen Schaulaufen von Fieslingen geworden, die wir alle kennen (obwohl sich auch Personen wie Harry Potters Dolores Umbridge und die Grauen Herren aus Momo wiederfinden), sondern bietet dem Leser auch ganz neue Leseinspirationen: so hat es Roman mit Kokain von dem russischen Schriftsteller Mark Lasarewitsch Levi dank Pesl ebenso auf meine Bücherliste geschafft wie Das rote Kornfeld von dem Chinesen Yu Zhan’ao oder aber Herr der Krähen von dem kenianischen Romancier und Kulturwissenschaftler Ngugi wa Thiong’o.Im Anhang stolpert der Leser übrigens über ein detailliertes Literaturverzeichnis – wer also durch die Lektüre Lust auf neue Bücher bekommen hat, findet dort alle wichtigen Informationen.

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Kain (c) Kristof Kepler

Pesl hat bei der Auswahl seiner Schurken nicht nur darauf geachtet, sich nicht auf die westliche Literatur zu beschränken und Schurken von allen Kontinenten anzuführen, sondern hat zusätzlich zu menschlichen Schurken auch tierische inkludiert: beispielsweise Schir Khan aus dem Dschungelbuch, Moby Dick oder Edgar Allen Poes Rabe. Außerdem eine Reihe mythischer Figuren aus epischen Sagen wie Beowulf, Gilgamesch, der Odysee und den Nibelungen. Der Leser blickt also auf mehr als dreitausend Jahre Schurkengeschichte!

Der Ton ist locker und stellenweise blitzt eine entspannte Ironie durch, die verrät wie viel Spaß Pesl mit Büchern hat und wie viel Spaß es ihm gemacht haben muss, diese Liste zu kuratieren. Hie und da streut er hochinteressante Hinweise auf Literturadaptionen und -akionen mit ein: so unter anderem auf das Café Rottenmeier, das im Rahmen des Tokyo-Festivals 2010 als Persiflage auf den japanischen Jugendwahn eröffnet wurde. Die Kellnerinnen des Rottenmeier, benannt nach der strengen Gouvernante in Heidis Lehr- und Wanderjahre, wurden als alte Jungfern geschminkt und angewiesen, ihren Service barsch und streng zu verrichten.

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Jean-Baptiste Grenouille (c) Kristof Kepler

Last but not least verdienen die Illustrationen, die Kristof Kepler beigesteuert hat, an dieser Stelle Erwähnung. Sie greifen Pesls leichte Ironie auf und vermögen es außerdem, Helden, von denen man in vielen Fällen bereits seit Jahren ein bestimmtes Bild im Kopf hat oder die durch Filmadaptionen Kultstatus erlangt haben, so darzustellen, dass sie vertraute Züge aufweisen und dennoch Neuheiten beinhalten. Die in diesem Beitrag verwendeten Bilder vermitteln einen ersten Eindruck.

Kurzfazit: Ein unterhaltsames und liebevoll gestaltetes Lexikon literarischer Bösewichte.

Ich danke dem Verlag edition atelier für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares.

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