Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

Israelisches Familienepos

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Sarit Yishai-Levi – Die Schönheitskönigin von Jerusalem41978nbziNL._SX289_BO1,204,203,200_

Luna Ermoza ist die schönste Frau Jerusalems. Ihre roten Locken und grünen Augen verdrehen den Männern den Kopf und sie genießt ihr Leben in vollen Zügen. Jerusalem ist noch von den Briten besetzt; es sind die frühen 1940er Jahre. In der Stadt formiert sich zunehmend Widerstand gegen die verhassten Besatzer; Sprengsätze explodieren und Lunas Schwester Rachelika meldet sich freiwillig als Ersthelferin.

Sarit Yishai-Levis israelisches Familienepos setzt Jahre später ein und verfolgt die Familiengeschichte noch eine ganze Generation weiter zurück. Lunas Tochter Gabriela möchte nämlich mehr erfahren über ihre Mutter, ihre Familie und den angeblich existierenden Fluch, aufgrund dessen die Frauen ihrer Familie nie glücklich  verheiratet sind, weil ihre Männder sie nicht lieben. Ihre Großmutter Rosa zumindest ist überzeugt davon, dass dieser Fluch ihr und ihren weiblichen Nachkommen das Leben schwer macht.

Begonnen hat das Elend mit Gabrielas Urgroßmutter, der klugen Merkada und ihrem Urgroßvater, Rafael. Der verfällt nämlich den blauen Augen einer Aschkenasin und es ist keine Frage, dass er diese Frau nicht ehelichen darf. Rafael entstammt schließlich einer sephardischen Familie, den Ermozas, die seit der Vertreibung der Juden aus Spanien im 15. Jahrhundert in Jerusalem ansässig sind. Rafael entscheidet sich also gegen die Liebe und für die Ehe, die seinte Eltern für ihn arrangiert haben. Seinem Sohn Gabriel wird es Jahre später ähnlich ergehen und dessen Frau Rosa lebt über Jahrzehnte in einer lieblosen Ehe und hat mit ihrer wunderschönen und starrsinnigen Tochter Luna ebenso zu kämpfen, wie Luna wiederum mit ihrer Tochter Gabriela.

Dies mag verwirrend klingen, aber Sarit Yishai-Levi verknüpft die Generationen gekonnt miteinander und nachdem sie zu Beginn des Romans ein wenig zwischen verschiedenen Zeitpunkten hin und her springt um möglichst schnell möglichst viele Informationen zu bieten, spinnt sie schon nach kurzer Zeit einen stringenten Erzählfaden. So hat sie ein Buch geschaffen, das ich nicht zur Seite legen wollte; zu lebendig erscheinen Luna und ihre Schwestern, zu traurig ist die Geschichte ihrer Mutter Rosa und zu faszinierend erschien mir diese Erzählung über Jerusalem in den ersten zwei Dritteln des zwanzigsten Jahrhunderts.Besonders spannend ist dabei der Wandel des gemeinsamen Lebens von Juden und Arabern in der Stadt – während es unter englischer Besatzung durch ein gemeinsames Feindbild (Engländer) stabilisiert wird, bricht kurz nach Abzug der Engländer und Gründung des unabhängigen israelischen Staates Krieg aus. Ebenso packend ist die geschilderte Vielseitigkeit dieser jüdischen Bevölkerung, die sich nicht als eins begreift – die Vorurteile der Ermozas gegen ihre aschkenasischen Glaubensgenossen bestätigen das ebenso wie die Familiengespräche über „die Kurden“, die versuchen, die Famillie Ermoza übers Ohr zu hauen.

Die spanischen Wurzeln der Ermozas und ihrer sephardischen Nachbarn und Freunde werden auch dank der sehr guten Übersetzung deutlich – immer wieder finden sich Redewendungen, die spanischen Ursprunges sind (oft mit jiddischen Ausdrücken verbunden) und die im Text kursiv dargestellt sind. Längere Aussprüche werden umgehend ins Deutsche übersetzt. So bleibt der Lesefluss erhalten während den Dialogen gleichzeitig ein schöner Flair verliehen wird – Gott bezeichnen sie beispielsweise als den senyor des mundo und Böses wird über den Ausspruch pishkado i limon verscheucht. Gabriela, die Erzählerin, erklärt: „Wie die übrigen Spaniolen glaubte auch sie [Merkada], dass die Wortverbingung von Fisch und Zitrone die Dämonen verscheuchte“.

Diese sprachlichen Feinheiten, die spannende und wechselhafte Historie der Stadt Jerusalem im zwanzigsten Jahrhundert und die liebevoll kreierten Charaktere, die mit glaubwürdigen Schwächen und gewinnenden Stärken ausgestattet sind, bereiten ein kurzweiliges Lesevergnügen, dessen Ende ich während der Lektüre gerne noch hinausgezögert hätte.

Ich danke dem Aufbau-Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares.

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