Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

Midlife-Crisis eines Sonderlings

Hinterlasse einen Kommentar

Alessandro Baricco – Mr. Gwyn

mrgwynJasper Gwyn ist Anfang 40 und ein berühmter Londoner Schriftsteller. Doch dann überkommt ihn eines Tages auf einmal ein Gedanke: er will gar kein Schriftsteller mehr sein. Vor allem will er nicht mehr an dem Rummel des Literaturbetriebes teilnehmen. Tom Bruce Shepperd, sein Agent und enger Freund, hält die Idee zunächst für einen Scherz; die Tatsache, dass Jasper Gwyn seinen Entschluss nichts mehr zu schreiben bereits öffentlich gemacht hat, erscheint ihm wie ein cleverer Werbecoup. Mit der Zeit muss er allerdings einsehen, dass es sich keinesfalls um einen Scherz handelt: Jasper Gwyn schreibt keine Bücher mehr. Da er das Schreiben jedoch nicht komplett aufgeben kann, sucht er nach einer neuen Beschäftigung und findet sie: als Kopist will er zukünftig geschriebene Portraits von Leuten anfertigen.

Schrittweise richtet sich Mr. Gwyn in seinem neuen Leben ein; er sucht ein Atelier, verwendet viel Zeit (und Geld) darauf, die passende Geräuschkulisse für seine neue Arbeit zu schaffen und setzt sich auch sehr sorgfältig mit der Frage nach der perfekten Beleuchtung auseinander.

Die Einfälle, mit denen Alessandro Baricco aufwartet, seine Ironie und die merkwürdigen Schrullen von Jasper Gwyn machen Spaß und sie erinnern an die Schrullen der Charaktere in älteren Baricco-Büchern wie Oceano Mare oder Land aus Glas. Und doch reicht dieser Roman an die beiden anderen nicht heran. Zu sehr ist Jasper Gwyn mit sich selbst beschäftigt, zu oberflächlich erscheinen die anderen Figuren und zu sehr fehlt der Ironie stellenweise die wunderschöne Leichtigkeit, die andere Baricco-Bücher so auszeichnet. Das gilt insbesondere für die zweite Hälfte dieses Buches, das sich nicht mit Mr. Gwyn befasst, sondern ein von ihm verfasster Roman ist. Und Mr. Gwyn ist kein Baricco. So kurz diese Novelle auch ist, sie ist doch zu lang. Schade.

Der Abend mit Alessandro Baricco und Joachim Krol im Rahmen der diesjährigen Lit.Cologne hat dennoch großen Spaß gemacht – nachzulesen hier.


Mehr Baricco auf Lesemanie:

64559-land_aus_glas-9783423134477921d7-oceanomare

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s