Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

Mit Alessandro Baricco auf dem Rhein (lit.COLOGNE)

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Einer der schönsten (wenn nicht der schönste) Veranstaltungsorte der jährlichen lit.COLOGNE ist das Literaturschiff: auf dem nachtdunklen Rhein gleitet man an der erleuchteten Kölner Innenstadt vorbei, während vorne auf der Bühne tolle Literatur vorgetragen und besprochen wird.

A. Baricco bei der litCOLOGNE. (F. Wächter, Lesemanie)

A. Baricco bei der lit.COLOGNE 2016

Gestern war Alessandro Baricco zu Gast, der über sein neues Buch Mr. Gwyn sprach und auf italienisch Auszüge davon vortrug. Die deutsche Übersetzung wurde vom Schauspieler  Joachim Król gelesen und eine passendere „Besetzung“ für Bariccos deutsche Stimme hätte man sich kaum wünschen können. Moderiert und übersetzt wurde die Veranstaltung von der Mailänder Literaturwissenschaftlerin Paola Barbon, die gekonnt und flink zwischen Deutsch und Italienisch wechselte und so auch den Zuschauern, die des Italienischen nicht mächtig waren, Bariccos leisen Humor zugänglich machte.

J. Krol bei der litCOLOGNE (F. Wächter, Lesemanie)

J. Krol bei der lit.COLOGNE 2016

Bariccos neuer Roman Mr. Gwyn handelt von dem fiktiven Schriftsteller Jasper Gwyn, der mit Anfang 40 beschließt, dass er keine Bücher mehr schreiben will. Stattdessen beginnt er, als Kopist zu arbeiten, der Portraits von Menschen anfertigt. Allerdings malt er diese Portraits nicht – er schreibt sie.

Gleich zu Beginn erkundigt sich Paola Barbon beim Gast, ob er sich in dem schreibensmüden Jasper Gwyn wiederfinde? Baricco versichert daraufhin, dass Mr. Gwyn ja nicht des Schreibens müde sei, sondern des ganzen Drumherum. „Stellen Sie sich vor“, so Baricco, „man liebt das Herzstück seines Berufs, aber nicht das ganze Drumherum“. Als Beispiel führt er Lehrer an: „Sie lieben es, Kindern etwas beizubringen, das ist das Herzstück Ihres Berufs. Aber dann gibt es Elternsprechtage, den Schulleiter, kein Geld für ein Informatiklabor, das Musiklabor ist im Eimer… das Drumherum ist also sinnlos.“ Ähnlich geht es Mr. Gwyn: er will nichts anderes tun als zu schreiben. Er will nicht mehr an Lesungen teilnehmen oder vor Schulklassen auftreten. Aber, beeilt Baricco sich zu versichern, er selbst sei sehr froh, heute hier sein zu dürfen und sein Buch vorzustellen…

Da Mr. Gwyn den Beruf eines Kopisten ergreift, liegt es nahe, den Beruf des Schriftstellers und den des Malers zu vergleichen. Barbon fragt gar, ob Baricco neidisch auf Maler sei, da Mr. Gwyn derart übertriebenen Wert darauf legt, sein Kopisten-Atelier auf eine bestimme Art einzurichten und sich handgefertigte Glühbirnen bestellt, damit das Licht auch ganz richtig sei. Das einzige, das er Malern neide, so Baricco, sei die Tatsache, dass sie sich bei ihrer Arbeit die Hände schmutzig machten. Wenn sie voller Farbkleckse aus ihrem Atelier kämen, könne man ihnen ansehen, dass sie gearbeitet haben. Er wiederum verbringe acht Stunden schreibend und wenn er nach Hause käme, frage sein Sohn ihn, was er denn eigentlich den ganzen Tag gemacht habe… Doch einige Parallelen zieht er auch zwischen beiden Berufen: der Gesamteindruck eines Bildes ergebe sich schließlich, wenn man es aus einer gewissen Entfernung heraus betrachte. Der Maler selbst müsse aber direkt an der Leinwand stehen und dort das Werk vollbringen, das nachher aus der Ferne wirken solle. Wenn der Schriftsteller ein Adjektiv auswählt, so müsse er im Kopf aus einigen Metern Abstand auf sein Werk schauen und den ganzen Satz im Blick haben. 100 Meter Abstand erlaubten ihm eine Übersicht über das Kapitel, mehrere Kilometer einen Überblick über das ganze Buch. Also eigentlich, so impliziert er, ist die Arbeit des Schriftstellers viel schwieriger als die des Malers… mr_gwyn

Zum Abschluss spricht er von der besonderen Beziehung zwischen Schriftstellern und ihren Lesern und davon, wie merkwürdig es ist, wenn man sich plötzlich im echten Leben gegenübersteht. Sowohl das Schreiben als auch das Lesen seien eigentlich einsame Tätigkeiten, aber ein Leser teilt etwas sehr Intimes mit dem Schriftsteller: „Sie haben sich abends ins Bett gelegt und da waren nur wir beide.“ Und dann, „eines Tages betreten Sie ein Schiff und da steht er auf einmal vor Ihnen…“

Es ist angenehm, Baricco bei diesen Ausführungen zu lauschen. Er arbeitet sich ruhig und konzentriert an seine Pointen vor und das Publikum goutiert diese mit herzhaftem Lachen und warmem Applaus. Für seine Verhältnisse beinahe überschwänglich bedankt Baricco sich bei Joachim Król, der die deutsche Übersetzung in Teilen so wunderbar vorträgt, dass ich mir wünschte, er würde einer Hörbuchversion von Mr. Gwyn seine Stimme leihen. Nicht nur hat er für jede der auftretenden Personen eine andere Stimmlage parat, er vermag es auch, mit Bewegungen nur einer Hand (die andere hielt das Skript) das Gelesene zu unterstreichen. Während er vorliest, wie eine alte Dame in ihrer Handtasche wühlt, da wühlt die Hand in der Luft mit und als Mr Gwyn hochwertiges Papier für sein erstes Portrait auswählt, da scheint Król das beschriebene Papier in der Luft zu betasten.

Fazit: Ein wirklich schöner Abend in gelungener Atmosphäre. Nun kann ich es kaum abwarten, mit Mr. Gwyn zu beginnen. Und wenn  Joachim Król wieder irgendwo etwas vorliest, bin ich sofort dabei…


 

Rezensionen zu Bariccos Büchern auf Lesemanie.com:

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