Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

„Jedes Atmen ist mögliches Riechen“

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geruch

Paul Divjak – Der Geruch der Welt

Der Autor, Philosoph und Künstler Paul Divjak, der als Duftpoet  schon internationale Museen in stinkende mittelalterliche Kloaken verwandelt hat, oder auch den zarten Duft eines Orangenhains durch die New Yorker Neue Galerie wehen ließ, legt mit seinem Buch Der Geruch der Welt ein Plädoyer zum bewussten Riechen vor.

Seine Thesen rund um bewusstes Riechen untermauert er mit passenden Textpassagen von anderen Philosophen und Kulturtheoretikern, von Dichtern, Schriftstellern und Sängern.

Als Problem, das uns daran hindert, unser Riechorgan bewusster einzusetzen, identifiziert er unser Unvermögen, die Vielzahl an Gerüchen, die tagtäglich auf uns einprasselt, zu benennen:

„Wir können eine Unzahl an Gerüchen unterscheiden, verstehen allerdings kaum, sie zu benennen.“

Ich musste an dieser Stelle an eine Szene aus Harry Potter and the Half-Blood Prince denken, in der Harry zum ersten Mal Amortentia kennenlernt, „the most powerful love potion in the world“. Der Geruch dieses Liebestranks variiert und nimmt die Düfte auf, welche die jeweilige Person als anziehend empfindet. Harry kann zwei der Gerüche identifizieren, die eine solche Wirkung auf ihn ausüben; doch den dritten Geruch vermag er nicht zu fassen: „somehow it reminded him simultaneously of treacle tart, the woody smell of a broomstick handle and something flowery he thought he might have smelled at The Burrow.“

Divjak geht es in seinem Plädoyer gerade darum, uns allen Gerüchen, die uns umgeben, bewusst zu stellen. Nur so können wir bestimmte Gerüche wiedererkennen, zuordnen und benennen:

„Die Lebewesen, die Pflanzen, die Dinge können unterschiedliche Formen besitzen, ein Geruchsfeld markiert sie / umgibt sie. Gerüche müssen spezifisch sein, sie müssen eine Charakteristik besitzen, um wiedererkennbar zu sein […] Jedes Atmen ist mögliches Riechen, alles Riechen mögliches Erkennen. Erkennen ermöglicht das Benennen.“

Und tatsächlich riecht man bewusster beim und nach dem Lesen dieses Buches (was insbesondere beim Pendeln mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht immer gut sein muss), und das liegt nicht nur an den hochinteressanten Thesen und Beobachtungen die Divjak und, in eingestreuten Zitaten, unter anderem Hundertwasser, Agamben, Walter Benjamin und Morgenstern aufstellen und darlegen.Vielmehr liegt das vor allem auch an den Listen, die er in regelmäßigen Abständen in den Text einschiebt:

Die Abgase eines Trabant. Sommerregen auf heissem Asphalt. Angeröstete Zwiebeln. Ein Hallenbad. Ein Slip. Limonade. Klebstoff. 8×4. Wunderkerzen. Rosmarin.

Ich muss gestehen, bei den Abgasen eines Trabants musste ich passen, aber bei der Vorstellung des Geruchs von Sommerregen auf heißem Asphalt habe ich gerne etwas länger verweilt und so den nassen Märztag für einen Augenblick aus meinem Bewusstsein verbannt. Als ich das Haus kurz darauf verlassen habe, mit neu erwachten Fokus auf meinen Geruchssinn, musste ich mir dann eingestehen, dass das Wetter an sich zwar bescheiden war, mich der hoffnungsfrohe Geruch des kalten Märzregens auf der noch winterträgen Erde dann aber doch ein wenig dafür entschädigte, dass ich durchnässt am Ziel ankam.

Mit diesen Listen von Divjak habe ich mich beim Lesen des Buches lange beschäftigt – zu groß war die Versuchung, die angesprochenen Gerüche tatsächlich im Bewusstsein entstehen zu lassen. Bei manchen, quasi alltäglichen, Gerüchen fällt es einem noch recht leicht: Feuchte Erde, Tomaten, ein Computer… Bei anderen Gerüchen wiederum bedurfte es einiger Anstrengung: Ein Kinosaal, eine Kirche, das Klassenzimmer…Und manche Gerüche erweckten beinahe unmittelbar Erinnerungen an Kindheitstage oder andere vergangene Erfahrungen: Ein Lagerfeuer, ein Tannenbaum, die Schwimmflügel…

Aufgrund dieser Listen, deren Schlagworte bei jedem Leser unterschiedliche Assoziationen und Erinnerungen wecken dürften, liest sich Divjaks Buch nicht „nur“ wie ein Aufruf zum bewussteren Riechen. Vielmehr stößt er eine olfaktorische Reise durch die persönliche Vergangenheit an. Schließlich, so singen schon The Sparks in ihrem Lied „Perfume“, das Divjak zitiert:

„The olfactoy sense is the sense
That most strongly evokes memories of the past“ (The Sparks, „Perfume“, 2006)

In diesem Sinne: Stop and smell the roses.

Ich danke Edition Atelier für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares.

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