Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

Des einen Neue Welt ist des anderen Alte Welt

2 Kommentare

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Joseph Boyden – The Orenda (noch nicht auf Deutsch erhältlich)

In den kanadischen Wäldern, in der ersten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts, stößt eine Gruppe von Huron Indianern auf eine Gruppe von Irokesen. Bird, der Anführer der Huron Gruppe trauert noch um seine Frau und seine Tochter, die vor einiger Zeit von Irokesen getötet worden sind. So beschließt er, das Mädchen, das Teil der Irokesen-Gruppe ist, an Tochter statt anzunehmen. Die anderen – Vater, Mutter und Bruder seiner neuen Tochter – töten er und seine Männer.

Das Buch setzt auf dem Heimweg der Gruppe ein, und der erste von insgesamt drei Erzählern ist ein weiterer Gefangener der Huron: Christophe, ein junger Jesuitenpater, der „den Wilden“ die Lehre Gottes näherbringen möchte. Sowohl die Franzosen als auch die Engländer sind präsent in der Gegend; allerdings kommen sie in der Besiedelung des Landes nur langsam voran. Während ihre Krankheiten sich bereits in den Dörfern der verschiedenen Stämme einschleichen und dort Unheil anrichten, sind sie militärisch noch oft unterlegen und menschlich von der sie umgebenden Wildnis überfordert. Und doch verändern sie das Leben der Stämme bereits merklich, wie im weiteren Verlauf des Buches deutlich wird. Während die Engländer an ihre Verbündeten, die Irokesen, freigiebig Waffen verteilen damit sie mit deren Hilfe den Fortschritt der Franzosen aufhalten können, bemühen sich die Franzosen in erster Linie darum, die sie umgebenden Stämme – darunter die Huron – mit Hilfe von Christianisierung langfristig auf ihre Seite zu ziehen und zu Verbündeten gegen die Engländer und Irokesen zu machen.

Christophe ist zu Beginn der Geschichte zwar Birds Gefangener, doch die Dorfälteren beschließen nach seiner Ankunft, ihn eher als Gast zu behandeln, um die Franzosen nicht zu verärgern und den Handel mit ihnen zu intensivieren. Er darf frei herumlaufen und er bemüht sich redlich, dem Stamm seinen Glauben zu erklären und seine besonders auch aufgrund seiner begrenzten sprachlichen Fähigkeiten simplifizierten Modelle des Christentums verdeutlichen gekonnt, wie merkwürdig dieser Glauben auf einen Außenstehenden wirken muss.  Zugleich nutzt Boyden, der neben Iren und Schotten auch Ojibwe zu seinen Vorfahren zählt, Christophe um den Glauben der Huron zu erläutern:

In matters of the spirit, these sauvages believe that we all have within us a life force that is similar, if you will, to our own Catholic belief in the soul. They call this life force the orenda […] What appals me is that these poor misguided beings believe not just humans have an orenda but also animals, trees, bodies of water, even rocks strewn on the ground. In fact, every last thing in their world contains its own spirit.

Bird, der zweite Erzähler im Roman, beobachtet Christophes Bekehrungsversuche mit Argwohn. Er traut weder dem Mann noch dessen Weltanschauung. Allerdings ist er besonders zu Beginn des Buches oft abgelenkt – das Mädchen, das er als Tochterersatz entführt hat, macht Probleme und zeigt sich widerspenstig. Einen Großteil seiner Gedanken und seiner Energie verwendet er deshalb darauf, ihre Wut zu bändigen. Und doch ahnt er, dass von Christophe und den seinen Gefahr ausgeht. Dass diese Männer nicht nur in seine Welt gekommen sind um Handel zu treiben. Und dass diese Tatsache das Leben der Seinen von Grund auf verändern wird. „We are the people birthed from this land“, erläutert er einmal, „We are this place. This place is us.“ Unausgesprochen bleibt die Frage, was mit diesem Volk passieren wird, wenn ihr Land nicht mehr ihr Land ist, wenn die Orenda ausgelöscht werden.

Die dritte Erzählstimme gehört Snow Falls, dem Mädchen, das Bird als Tochterersatz mitgenommen hat. Im Verlauf des Romans wächst sie zu einer jungen Frau heran und dadurch bietet sie dem Leser Einblicke in Aspekte der Huron Kultur, die in Birds und Christophes Erzählungen verborgen bleiben – die Rechte und Rollen der Frauen, die Christophe Kopfzerbrechen bereiten, und die Riten und Traditionen, die das Erwachsenwerden der jungen Huron begleiten.

Weil jeder der abwechselnd zu Wort kommenden Erzähler mit ganz unterschiedlichem Blick die Welt um sich herum kommentiert, ergeben die drei Stimmen zusammengenommen ein spannendes Panorama. Boyden verwebt die einzelnen Episoden gekonnt und lückenlos miteinander und er hat so ein Buch geschaffen, das man immer weiter aber nicht zu Ende lesen möchte. Das liegt zu einem großen Teil daran, dass die drei Hauptcharaktere so gekonnt konstruiert sind. Man erreicht als Leser einen Punkt, an dem eine bestimmte Situation geschildert wird und man sich bereits vorstellen kann, wie Bird/Christophe/Snow Falls darauf reagieren wird, weil Boyden einem hier Menschen vorgesetzt hat deren Motiven man nicht immer gut heißen muss, die man aber nachvollziehen kann. Einen großen Beitrag zur Spannung leistet auch der Zeitpunkt zu dem die Geschichte spielt. The Orenda beleuchtet eine Epoche, in der die Neue Welt der Europäer noch ganz am Anfang steht, und die Alte Welt der nordamerikanischen Stämme kurz vor ihrem Ende.

Kurzfazit: Ein mitreißender „Clash of Civilizations“, der einen spannenden Abschnitt kanadischer Geschichte aufbereitet.


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2 Kommentare zu “Des einen Neue Welt ist des anderen Alte Welt

  1. Klingt sehr interessant! Vielen Dank für diesen Hinweis.
    Liebe Grüße
    Ina

    Gefällt mir

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