Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

Forschungsfrustrationen, eine Dreiecksbeziehung und ein Diebstahl

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Lily King – Euphoria (Euphoria)

1933 arbeitet die junge amerikanische Anthropologin Nell Stone mit ihrem australischen Ehemann Shuyler Fenwick, genannt Fen, in Neu Guinea an einem weiteren Buch. Ihr Erstlingswerk, das sich mit Kindheit und Jugend in Samoa befasste, war ein großer Erfolg – nicht nur aufgrund ihrer akribischen Beobachtungen, sondern ganz besonders wegen des offenen Umgangs mit Sexualität. Dies ist in den 30er Jahren (und teilweise ja auch heute noch) in den USA unerhört. Die junge Frau ist zur Berühmtheit geworden und mit einem großzügigen ihr zugedachten Stipendium finanziert sie diese Forschungsreise nicht nur für sich sondern auch für Fen.

Die Beziehung zwischen beiden Eheleuten ist angespannt; Fen hat bis dato nur einige Artikel veröffentlicht, er neidet seiner jungen Frau den Erfolg und während sie mit den Folgen einer Malaria-Erkrankung zu kämpfen hat, ist er auf der Suche nach einem Thema, das ihm zum Durchbruch verhelfen soll. Er ist oft impulsiv und dickköpfig und seinem Ärger verleiht er auch körperlich Ausdruck: gleich zu Beginn des Buches erfahren wir, dass Nell keine Brille mehr hat; Fen hat sie vor einiger Zeit zerbrochen.

Doch nicht nur Malaria und zerstörte Brillen erschweren ihre Forschungsarbeit. Besonders Nell leidet darunter, dass sie nur schwer Zugang zu den Eingeborenen finden. Ihre Arbeit hängt davon ab, dass ihr in Gesprächen mit den Stammesmitgliedern detailliert Auskunft gegeben wird. Der Roman setzt in dem Moment ein, in dem sie und Fen einen Stamm verlassen, bei dem sie in ihrer Forschung nicht weitergekommen sind. Frustriert und besorgt, dass das Geld nicht für veröffentlichungswürdige Ergebnisse reichen könnte, treffen beide auf den Briten Andrew Bankson.

Man kennt sich – wenn auch nur flüchtig – und kommt ins Gespräch. Bankson ist begeistert, die beiden zu sehen. Er lebt seit Monaten alleine bei einem Stamm und diese Einsamkeit treibt ihn zur Verzweiflung. Nell und Fen lassen sich bei einem Stamm nieder, der einige Stunden flussabwärts von Banksons Forschungsstätte lebt. Die drei bleiben in Kontakt und als Bankson ihnen einen Besuch abstattet und längere Zeit bleibt, scheint sich ein Knoten zu lösen. Besonders Nell und Bankson profitieren immens voneinander und machen in ihren Studien große Fortschritte. Doch nicht nur auf intellektueller Ebene kommen sie sich näher, während Fen auch vor einem Verbrechen nicht zurückschreckt, um seinen eigenen wissenschaftlichen Durchbruch zu erlangen und nicht mehr im Schatten seiner Frau stehen zu müssen.

 

Der Großteil der Geschichte wird rückblickend von Andrew Bankson erzählt; bei anderen Teilen handelt es sich um Tagebuchaufzeichnungen von Nell und manche Stellen werden von einem allwissenden Erzähler in der dritten Person geschildert. Das klingt zunächst verwirrend, doch Lily King geht detailliert und methodisch vor, sodass die Geschichte ruhig dahinfließen kann.
Inspiriert wurden die drei Charaktere von der amerikanischen Anthropologin Margaret Mead (1901-1978), die 1928 mit ihrem Buch Coming of Age in Samoa den Durchbruch erlangte und später viele Jahre als Kuratorin des American Museum of Natural History in New York City arbeitete (Quelle: britannica.com hier) und ihren beiden Ehemännern Reo Fortune und Gregory Bateson. Im Nachwort zu ihrem Roman erläutert Lily King jedoch, dass sie sich schnell von der historischen Vorlage gelöst hat und eine komplett eigene Geschichte erzählt:
Mead, Margaret [Credit: Encyclopædia Britannica, Inc.]

Margaret Mead. Quelle: Britannica.com

 

„I have borrowed from the lives and experiences of these three people, but have told a different story. Most of the tribes and villages here are fictional. You cannot find the Tam or the Kiona on a map, though I have used details from the real tribes Mead, Fortune, and Bateson were studying at the time: the Tchambuli (now called the Chambri), the Iatmul, the Mundugumor, and the Arapesh.“

Und so überrascht die Geschichte auch Leser, die Margaret Mead kennen und etwas von ihrem Leben wissen. King hat sich nämlich tatsächlich derart von der realen Geschichte gelöst, dass sie mit einem völlig schockierenden Ende aufwarten kann.

Kurzfazit: Mitreißender und dicht geschriebener Roman der trotz einer Fülle an Inhalten (Anthropologische Diskussionen, Dreiecksbeziehung und mindestens ein Verbrechen) mit starkem Spannungsbogen aufwartet.


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