Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

Gefahr im Verzug

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[Hörbuch] Robert Harris – Titan

Im zweiten Teil seiner Cicero-Trilogie scheint gleich zu Beginn eigentlich alles geschafft: Cicero ist Konsul und hat sich damit einen großen Traum erfüllt. Doch kurz bevor er sein Amt offiziell antritt, zeichnen sich bereits Probleme ab. Im Vertrauen wird er zum Hafen gerufen. Hier ist die Leiche eines Jungen angespült worden und alles deutet darauf hin, dass es sich um ein Menschenopfer handelt. Manche der abergläubischen Hafenarbeiter raunen, dies sei ein böses Omen und Rom sei in Gefahr. Cicero bemüht sich, sie zu beruhigen und stellt es so dar, als handele es sich bei der Leiche lediglich um das Opfer eines tragischen Unfalls.
Tatsächlich scheint etwas im Busch zu sein. Cicero hat sich mit seinem Talent, Menschen vorzuführen und seiner Unbeirrbarkeit auf dem Weg zum Konsul-Posten nur wenige Freunde und dafür umso mehr Feinde gemacht. Die Aristokraten beäugen ihn weiterhin argwöhnisch und einige scharen sich um Catilina, unter ihnen auch ein junger, umtriebiger, extrem ehrgeiziger und notorisch geldloser Gaius Julius Caesar. Durch geschickte Propaganda und gezieltes Aufkaufen von Stimmen durch reiche Unterstützer, schwingen sich die Verschwörer zu Fürsprechern von enttäuschten Veteranen und Kriminellen auf, kurz: sie behaupten, für das Volk zu sprechen und im Namen des Volkes zielen sie darauf, dem Senat große Teile seiner Machtbefugnisse zu entziehen.

Auch vor Mord schreckt die Gruppe nicht zurück. Mit viel Glück deckt Cicero ein gegen ihn geplantes Mordkomplott auf. Sein treuer Sekretär Tiro sammelt unter Einsatz seines Lebens Indizien, mit deren Hilfe sich Cicero gegen seine Feinde im Senat wehren soll. Zeitgleich schreckt auch Cicero selbst, obwohl sonst so integer, nicht davor zurück, illegale Methoden anzuwenden um die akut bedrohte Republik zu retten. 

Dabei stellt er unter Beweis, was für ein gerissener Staatsmann in ihm steckt. Oft setzt er alles auf eine Karte, er verzichtet auf einträgliche Ämter, die ihm nach dem Ende der einjährigen Konsulatszeit zustehen, um Verbündete zu gewinnen. Er lässt Gnade walten bei einigen seiner Feinde – der junge Caesar kommt so mit dem Leben davon, während andere große Männer Roms hingerichtet werden. Cicero ruft den Notstand aus, was seine Amtszeit verlängert – bis wieder Frieden eingekehrt ist, soll er sein Amt ausüben dürfen. Sogar zum „Vater des Vaterlandes“ wird er ausgerufen. Cicero, der Titan, auf dem Gipfel der Macht.

Mit der Auszeichnung als „Vater des Vaterlandes“ schmückt er sich gerne und Tiro beobachtet scharfsinnig, dass sich etwas in seinen Wesenszügen geändert hat und dass er sich keinen Gefallen damit tut, nach Ende seiner Amtszeit als Konsul in Rom verblieben zu sein anstatt die Statthalterschaft einer Provinz zu übernehmen. Wie schrieb Thomas Willmann in Das finstere Tal? „Erlöser, die sich nicht aufheben und entschwinden, werden zur Peinlichkeit“. Cicero sonnt sich in seinem Ruhm und doch droht weiterhin Gefahr. Die Erde dreht sich schließlich weiter und Caesar treibt eisern die eigene Karriere voran. Berauscht von seinem Erfolg verkennt Cicero die Lage und wird schlussendlich gezwungen sein, ins Exil zu gehen.

Dies und noch viel mehr passiert in diesem Abschnitt von Ciceros Lebensgeschichte, der sich zwischen 63 und 58 v. Chr. abspielt. Es spricht für Harris, dass er eine solche Dichte an Ereignissen spannend aufbereiten kann. Und es spricht für diese Inszenierung, dass sämtliche Handlungsstränge trotz Textkürzungen nachvollziehbar bleiben. In insgesamt 7 Stunden präsentiert Hannes Jaenicke einen spannenden Polit-Thriller. Zuerst war ich enttäuscht, dass Christian Berkel, der den ersten Teil eingelesen hat (die Rezension hier), diesem Teil nicht auch seine Stimme geliehen hat. An Jaenickes teils schnodderige Redeart musste ich mich erst gewöhnen und dachte, dass man sich hier vielleicht im Sprecher vergriffen hat.

Doch je weiter sich die Geschichte entspann, desto passender schien mir die Sprecherwahl. Cicero steht schließlich an einem völlig anderen Punkt in seinem Leben als noch im ersten Teil der Trilogie. Der anfängliche Erfolg gegen seinen Widersacher Catilina steigt ihm zu Kopf und der abgebrühte Tonfall, den Jaenicke für ihn wählt, scheint für den Cicero in dieser Zeit seines Lebens der richtige zu sein.

Kurzfazit:  Spannung pur – Cicero steht auf dem Gipfel seiner Macht, doch der junge Caesar ist ihm dicht auf den Fersen.

Ich danke Random House Audio für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares.

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