Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

Abgebrochene Leseerlebnisse in diesem Herbst

2 Kommentare

Wie fühlt ihr euch eigentlich, wenn ihr ein Buch nicht zu Ende lest? Oder einen Film nicht zu Ende schaut? Augenscheinlich gibt es unterschiedliche „Buchabbrecher-Typen“: solche, die sich schuldig fühlen, wenn sie ein Buch nicht bis zum Ende durchlesen, und solche, denen es herzlich egal ist. Ein ganz interessanter Artikel (in englischer Sprache) findet sich auf Lifehacker hier.

 Mich wurmt es immer ganz besonders wenn ich ein Buch nicht zu Ende bringe, weil ich den Eindruck habe, dass so etwas immer in Serie passiert. Es kommt selten genug vor, dass ich aufgebe – meistens versuche ich mich durchzubeißen. Dies oft sehr zum Leidwesen meiner näheren Umgebung, weil sich meine aktuellen Leseerlebnisse immer auch auf meine Laune auswirken. Je besser ein Buch, desto ausgeglichener bin ich. Je schlechter ein Buch…

Wenn ich dann doch beschließe, einem Buch keine einzige Seite Chance mehr zu geben, tue ich das oft mit einem mulmigen Gefühl. Denn es scheint, dass sich – bei mir zumindest – die Hemmschwelle herabsetzt. Wenn ich ein Buch abbreche, gehe ich an die nächsten paar Exemplare direkt mit einer ganz anderen Einstellung heran: „nun habe ich mit dem Buch Soundso bereits Stunden verplempert, nochmal mache ich das nicht…“ – oder so ähnlich. Und in diesem Herbst ist es leider wieder passiert…

Das Elend begann mit Ketil Bjornstads Villa Europa. Dabei lässt sich der Roman so vielversprechend an. Nina Ulven, Tochter eines reichen Mannes, wohnt mt ihrem Mann Erik in einer geräumigen Villa über dem Fjord von Oslo. Erik hat eine Menge Ideen mit denen er viel Geld verdienen möchte. Leider wird keine dieser Ideen vom Erfolg gekrönt. Davon überzeugt, dass er in anderen Ländern seine Luftschlösser in Wirklichkeit umwandeln kann, verlässt er eines Tages ohne ein Wort zu Frau und Schwiegervater Norwegen und durchstreift jahrelang den europäischen Kontinent. In regelmäßigen Abständen bittet er seine Frau um finanzielle Unterstützung, die sie ihm jedes Mal gewährt. Ohne sein Wissen benennt sie das Haus in Villa Europa um und dekoriert die Räume im Stil der Länder, aus denen ihr Mann ihr schreibt. In diesen Räumen, in der Schweiz, in Österreich, Spanien und Italien ereignen sich Jahrzehnte Familiengeschichte; hier emanzipieren sich die Frauen der Familie, hier wird Flüchtlingen in Kriegs- und Nachkriegswirren ein Dach über dem Kopf geboten. Tonangebend sind die Frauen, die unerschrocken ihren eigenen Weg gehen. Und genau hier liegt der Hund begraben. Anders als zum Beispiel ein T.C. Boyle oder ein Ian McEwan ist nämlich Ketil Bjornstad kein Mann, der versiert über Frauen schreiben kann. Ihr Innenleben fällt in seinen Büchern (Oda von ihm, das von der norwegischen Malerin Oda Krohg erzählt, musste ich auch schon aus dem selben Grund abbrechen) immer zu simpel aus. Villa Europa lässt sich auch wirklich nur vielversprechend an solange die Geschichte mit einem Mann im Fokus erzählt wird. Bjornstad folgt den Nachfahren von Erik Ulven kapitelweise, und immer wenn es sich um eine Frau dreht, nimmt die Erzählqualität merklich ab. Nach knapp 200 Seiten habe ich mich schließlich so geärgert, dass ich abbrechen musste.

In der Hoffnung, mit einem schmalen Klassiker nicht zu viel falsch machen zu können, wagte ich mich im Anschluss an Ein Abend bei Claire von Gaito Gasdanow, der als einer der wichtigsten russischen Exilautoren des frühen zwanzigsten Jahrhunderts gilt. 1917 verliebt sich der junge Kolja in Claire, eine kapriziöse Französin, die er von der Ferne aus anbetet. Knapp sechzehnjährig meldet sich Kolja freiwillig zur Weißen Armee – nicht aus Parteinahme, sondern um die schwächere Seite zu unterstützen – und erlebt den Bürgerkrieg als einfacher Soldat auf einem Panzerzug bevor er nach Paris emigriert und dort wieder auf Claire trifft. Zu Claire kann ich nicht viel sagen – sie scheint gebrechlich und unglücklich verheiratet. In der ersten Buchhälfte, die ich durchgestanden habe, erfahren wir wenig über sie. Dafür erfahren wir um so mehr über Koljas Kindheit und seinen früh verstorbenen Vater. Sprachlich lässt sich kaum etwas aussetzen an diesem Roman, vielmehr hat mich die Struktur – beziehungsweise das Nichtvorhandensein derselbigen – gestört. Kolja gleitet von Erinnerung zu Erinnerung ohne sich die Mühe zu machen, sie mit einem roten Faden zu verknüpfen. Seine Gefühlswelt, seine innere Zerrissenheit und die Schwierigkeit, Sein und Schein auseinanderzuhalten spielen die Hauptrolle. Für mich war das leider nicht genug. Vielleicht fehlen mir auch einfach Interesse und Hintergrundwissen rund um den russischen Bürgerkrieg. Nachdem das leidliche Thema im Geschichts-LK abgehandelt war, habe ich es in den letzten Jahren immer von mir fern gehalten. Mit Ein Abend bei Claire wollte ich einen Annäherungsversuch starten, den ich leider abbrechen musste. Bleibt zu hoffen, dass ich vor Jahresende noch einige Bücher komplett durchlese…

Übrigens: Nach dem Durchlesepotenzial von Klassikern fragen die Medien ganz besonders gerne. Dabei geht es um Bücher mit denen man sich gerne schmückt – sei es durch Zurschaustellen im Regal oder ostentatives Hochhalten im Zug – die aber die meisten Leser nicht zu Ende bringen. Goodreads hat unter seinen amerikanischen Lesern herumgefragt und die Top Five der abgebrochenen Literaturklassiker identifiziert: Joseph Hellers Catch 22, Tolkiens Lord of the Rings, Joyces Ulysses, Melvilles Moby Dick und Ayn Rands Atlas Shrugged. Weitere Ergebnisse der Umfrage finden sich hier.

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2 Kommentare zu “Abgebrochene Leseerlebnisse in diesem Herbst

  1. Liebe Fenna,
    ich kann mich deinen Abbruch-Erlebnissen wahrscheinlich in Kürze anschließen: Ein Buch habe ich wegen meiner Vorliebe für Mallorca gekauft – ein zu schwacher Grund, wie ich jetzt weiß. Die Autorin beschreibt darin ihre sechs Kinderjahre auf der Insel in der Zeit des spanischen Bürgerkriegs. Wenn alles, was sie über sich schreibt, so stimmt, hatte die Gute als kleines Kind einen ziemlichen Sockenschuss. Ich hätte abbrechen sollen, habe es aber (leider) nicht getan.

    Danach habe ich zu einem Buch gegriffen, für das Jürgen von der Lippe als Herausgeber zeichnete. Es sollte einfach mal etwas Lustiges sein und stellte sich als total dröge heraus. Das Buch liegt seit sicher neun Monaten herum, und ich hadere noch damit, es gut sein zu lassen.

    Quälend, aber schon länger her, war „Limit“ von Schätzing. Die ersten 600 (von 1200) Seiten waren an Zähigkeit kaum zu überbieten.

    Tatsächlich abgebrochen habe ich vor vielen Jahren „Buddenbrooks“ von Mann. Wenn ein Buch mit seinen übertrieben detaillierten Beschreibungen die Phantasie töten kann, dann dieses.

    Auf deine beiden vorgestellten Abbruch-Bücher verzichte ich jetzt freiwillig.

    Liebe Grüße

    Ina

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  2. Liebe Ina,
    freut mich, wenn ich dir mit dem Post weitere frustrierende Leseerlebnisse ersparen konnte 🙂
    Ich habe die Erfahrung gemacht, je schneller man es gut sein lässt, um so besser. Ich finde es so frustrierend wenn ein Buch lange herumliegt und quasi darauf wartet, zu Ende gelesen zu werden… Respekt, dass du nach neun Monaten noch am Ball bist!

    Liebe Grüße
    Fenna

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