Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

Love and Harmony?

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T.C. Boyle – Drop City (Drop City)

Star (eigentlich Paulette Regina Starr) hat sich befreit. Sie hat das enge Leben ihrer Eltern im Staat New York hinter sich gelassen, hat ihre Stelle als Lehrerin aufgegeben, hat den amerikanischen Kontinent einmal von Ost nach West durchquert und hat sich mit ihrem Jugendfreund Ronnie / Pan in Drop City niedergelassen. Diese Kommune in Kalifornien besteht auf einigen Hektar Farmland, das Norm, der das Land von seinen Eltern geerbt hat, allen zur Verfügung stellt. Norm selbst wird von den anderen als erleuchtete Führungsfigur wahrgenommen – eine Rolle, der er sich zumeist erfolglos zu entziehen sucht. Die Bewohner der Kommune wollen hier ein harmonisches Leben als erleuchtete Selbstversorger führen.

Doch die Harmonie wird durch zwischenmenschliche Konflikte gestört und Star ist nicht die einzige der jungen Frauen, die den Eindruck hat, ihren Körper allen Männern auch gegen ihren Wunsch zur Verfügung stellen zu müssen, und der auffällt, dass es immer die Frauen sind die, wie ihre Mütter und Großmütter vor ihnen, das Essen kochen, den Abwasch machen und das Putzen übernehmen.
„Erleuchtung“ lässt sich dank diverser chemischer und pflanzlicher Substanzen erlangen, doch spätestens als Ronnie im Drogenrausch körperlich nicht mehr in der Lage ist, der Vergewaltigung einer Minderjährigen Einhalt zu gebieten wird zumindest dem Leser klar, dass die Kommunenmitglieder im Kollektiv ihre Handlungsfähigkeit aufgeben um sich in andere geistige Sphären zu begeben.
Auch mit der Selbstversorgung ist es nicht weit her. Zwar gibt es zwei Ziegen in der Kommune, die von Starr täglich versorgt und gemolken werden, doch richtigen Ackerbau möchte keiner betreiben; stattdessen nutzen sie die vom Staat bereitgestellten Essensmarken; mancher kratzt ein wenig Erspartes zusammen, andere bedienen sich im Laden heimlich an der Käsetheke.
Im Gegensatz dazu versorgen sich Pamela und Sess Harder tatsächlich zum größten Teil selbst. Mehrere tausend Kilometer nördlich von Drop City, leben die beiden in einer Blockhütte in Alaska drei Stunden entfernt von der nächsten Siedlung. Genau wie Star hat Pamela sich befreit; hat ihren Bürojob in der Stadt an den Nagel gehängt und sich mit Sess gezielt einen Partner gesucht, mit dem sie in der Wildnis überleben kann. Nicht nur erinnert Pamela sich an glückliche Sommer mit ihren Eltern in der freien Natur; sie ist auch davon überzeugt, dass die Gesellschaft vor die Hunde gehen wird: je mehr Hippies sich dem Drogenkonsum und freier Liebe hingeben, so ihre Logik, desto weniger Leute werden das Land bestellen, kluge politische Entscheidungen treffen oder die Interessen der USA im Ausland vertreten. Die gesellschaftliche Ordnung wird zusammenbrechen, davon ist Pamela überzeugt. Sie will also vorsorgen – will sich so weit wie möglich von Hippies fernhalten und bereits jetzt lernen, wie sie ohne Recht und Ordnung für sich sorgen kann.
Sess Harder ist in dieser Hinsicht der richtige Mann. Er jagt, fischt und verkauft im Herbst Felle um mit den Erlösen Reis und Nudeln kaufen zu können. Er lebt im Einklang mit der Natur, hat seine Blockhütte mit eigenen Händen erbaut und begegnet der jungen Frau mit sanfter Schüchternheit. Pamela und er heiraten, sie zieht zu ihm und bereitet sich mit ihm auf ihren ersten Winter in der Wildnis vor. Wenn da nicht der Buschpilot Joe Bosky wäre, den mit Sess eine tödliche Feindschaft verbindet, müsste Pamela sich um wenig mehr sorgen als um die Notwendigkeit, vor Wintereinbruch genügend Proviant zu erwirtschaften.
Es kommt wie es immer kommt bei T.C. Boyle: zum Zusammenstoß. Als Recht und Gesetz Norms Kommune ein Ende bereiten und die Hütten und Zelte abreißen, in denen die Bewohner Drop Citys wohnen, schwingt sich Norm zum ersten Mal mit voller Begeisterung zum Anführer der Gruppe auf und präsentiert den verdutzten Kommunen-Mitgliedern die Lösung: die leerstehende Hütte seines Onkels in Alaska soll als Mittelpunkt eines neuen Drop City dienen. „Drop City North“ nennt er das, und viele seiner Anhänger – darunter auch Star und Ronnie – folgen ihm in den Norden. Während die Gruppe dort in direkter Nachbarschaft zu Pamela und Sess Harder darum kämpft, Fuß zu fassen, eskaliert die Feindschaft zwischen Sess und Joe Bosky.
Wie es für ihn so typisch ist, lässt Boyle in Drop City seine Charaktere unerbittlich durch Selbstzweifel und Schicksalsschläge hindurch in Richtung (Selbst-) Zerstörung wandern. Sie müssen feststellen, dass sie in und mit der Natur leben können, dass sie sich jedoch durch den Menschen nicht bezwingen lässt. Und dass der schlimmste Feind des friedlichen Miteinander immer der Mensch selbst ist. Seinem Rezept in der Erstellung und Mischung von Charakteren bleibt Boyle treu – wer viel von ihm liest, wird die Konstellation also wiedererkennen. Und doch vermag Boyle es, überraschende Wendungen einzubauen und sprachlich schafft er, wie in jedem Buch, das ich bis jetzt von ihm verschlungen habe, wieder eine Vielzahl von Bildern, dank derer das Lesen so Spaß macht („The morning was a fish in a net, glistening and wriggling at the dead black border of her consciousness…“).
Kurzfazit: Typisch Boyle – Tolle Sprache, schräge Typen, der Mensch als Biest und die Unerbittlichkeit der Natur.
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