Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

Eine Art Feuerzangenbowle in Heinrich-Mann-Manier

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02bd9-9783844511734_cover[Hörbuch] Heinrich Mann – Professor Unrat

Professor Raat ist Gymnasiallehrer in einer norddeutschen Kleinstadt zu wilhelminischer Zeit. Verknöchert und seit Jahrzehnten als Lehrer tätig, ist er vor allem verbittert und trägt eine Verachtung und Wut auf seine Schüler mit sich herum, die ihresgleichen sucht. Die Wurzel allen Übels ist sein Name: Statt „Raat“ nennt ihn die halbe Welt „Unrat“ und wenn der Witwer, der in seine Sätze homerische Füllwörter einfließen lässt, durch die Stadt geht oder die Schulgänge entlangschleicht, so hört er Geflüster: „es riecht nach Unrat!“

 

Besonders in der Schule macht ihn dieser Spitzname fuchsteufelswild und er ist ganz versessen darauf, die Übeltäter „zu fassen“ und ihre Schullaufbahn zu beenden. Er grollt seinen Schülern auch noch Jahrzehnte später und bewegt sich verbissen durch die Stadt, die von seinen ehemaligen Schülern bevölkert ist. Ausflüge wie ein Besuch im Kaffeehaus, oder ein Abendspaziergang durch die Gassen der Wohnviertel gleichen einem Spießrutenlauf – von jeder Ecke wispert es „Unrat… so ein Unrat…“ und so verbringt der Mann seine Abende in der Regel alleine in seinem Haus und sinnt über Homer nach oder darüber, wie er diesem oder jenem Schüler noch eins auswischen könnte.

Richtig wütend machen ihn die Schüler, die er nicht „fassen“ kann, weil er sie nicht auf frischer Tat dabei ertappt, wie sie seinen verhassten Spitznamen anwenden. Dabei weiß er doch, dass sie ihn ebenso wie die anderen nutzen – schließlich tun es alle! Einer dieser Schüler ist Lohmann. Der Wunsch, diesen Schüler „zu fassen“ steigert sich zur Besessenheit und als Unrat (Verzeihung,
ich meine Professor Raat) eines Tages im Heft des Oberstufenschülers ein Liebesgedicht an „die Künstlerin Fröhlich“ findet, glaubt er, sein Ziel endlich erreicht zu haben. Er macht sich auf die Suche nach dieser Künstlerin und findet sie schließlich: eine Tänzerin in der zwielichtigen Bar Blauer Engel (der Film mit Marlene Dietrich basiert auf Manns Roman).

In der Garderobe der Künstlerin finden sich in den Pausen immer Lohmann und zwei Freunde ein: Kieselack und der junge Graf Ertzum. Kritiker stören sich manchmal an der stark überzeichneten Art dieses Gymnasiastentrios, das sich auch problemlos in die Feuerzangenbowle einfügen könnte. Lohmann ist der stille, brütende Dichter, Kieselack der freche Bengel, der sich durch seine rotzige Art in der Clique behauptet und nicht durch etwaige hohe Geburt, die sowohl Lohmann – Sohn eines einflussreichen Vaters – als auch Ertzum – Graf in spe – anführen können. Ertzum schließlich ist der stämmig-blonde und dumme Landgraf, der der Künstlerin Fröhlich vollends verfallen ist und sie durch rohe Gewalt und Stärke zu beeindrucken sucht. Der Lehrer will sie eigentlich für dieses unsittliche, eines Gymnasiasten unwürdiges, Betragen (Frequentierung eines zwielichtigen Etablissements und Verkehr mit einer Kabarett-Tänzerin) zum Direktor schleifen und sie der Schule verweisen. Das Problem jedoch ist: er selbst verfällt der Künstlerin Fröhlich und macht sich so angreifbar.

Genüsslich folgt der Roman fortan dem moralischen Verfall des Professors und schließlich der ganzen Stadt. Durch zuhälterische Methoden gelingt Unrat die Rache, von der er seit Jahren träumt. Endlich vermag er es, alle diese ehemaligen Schüler, die er früher nicht zu fassen bekam, in den Ruin zu treiben – gesellschaftlicher und/oder finanzieller Natur. Das leicht Überzeichnete, das man nicht nur dem Gymnasiastentrio sondern auch anderen Charakteren unterstellen könnte, erweist sich nun als positiver Aspekt: es unterstreicht die Scheinheiligkeit des Lehrers, der Schule, der ganzen Gesellschaft. In meinen Augen stört die Überzeichnung daher gar nicht und von Anfang bis Ende ergibt sich eine runde Geschichte, die Spaß macht.

Gelesen wird das Buch in dieser ungekürzten Version (eine NDR-Produktion von 1982) von dem 2009 verstorbenen Manfred Steffen, der 40 Jahre lang am Thalia-Theater gewirkt hat und unter anderem auch den Gandalf in der Hörspielproduktion von Herr der Ringe spricht (überragend!). Steffens ruhige Stimme kommt für die Erzählerpassagen zum Einsatz. Ansonsten breitet er hier sein umfassendes Können aus: er flötet die Künstlerin Fröhlich („Na, nun haben Sie sich mal nicht so, Unratchen…“), kräht den frechen Kieselack („Unrat! Ich rieche Unrat!“) und poltert den Professor („Nun denn also, hinfort mit Ihnen!“). So vergehen die fast 8 Stunden schnell und als Hörer fühlt man sich den Personen schnell näher, als das sonst manchmal bei Hörbüchern der Fall ist.
Die Box an sich ist schön und stabil gestaltet und den Essay im Begleitheft, der unter anderem die vielen Adaptionen und die generelle Rezeption dieses Romanes erläutert, kann ich nur wärmstens empfehlen.

Ich danke dem Hörverlag für die Bereitstellung des Rezensions-Exemplars. 
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