Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

„C’est tout ma vie“

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31493-9783421047083_coverDavid Foenkinos – Charlotte

Charlotte Salomon ist ein stilles Kind. Das mag sehr wahrscheinlich an dem tragischen Tod der Mutter liegen, die sich, genau wie die Schwester zuvor, das Leben nimmt als ihre Tochter noch sehr jung ist. Niemand möchte der kleinen Charlotte sagen, dass die Mutter sich willentlich aus dem Fenster gestürzt hat; man hofft, ihr dadruch das Schlimmste zu ersparen. Charlotte, die mit der Mutter zuvor wieder und wieder das Grab der Tante besichtigt hat, und der die Mutter immer vom Todsein vorgeschwärmt hat, ist zunächst auch gar nicht traurig. Sie ist überzeugt davon, dass die Mutter an einem wunderschönen Ort ist und dass sie – so hat sie es dem kleinen Mädchen wiederholt versprochen bevor sie den Sprung tatsächlich gewagt hat – Charlotte eine Postkarte schreiben wird um ihr zu erzählen, wie es so ist, im Himmel.

 

Doch es kommt keine Postkarte und das kleine Mädchen wird sehr wütend auf die Mutter. Es verdrängt Erinnerungen und Gedanken an sie mehr und mehr. Als der Vater, ein angesehener Arzt, der tage- und nächtelang an neuen medizinischen Erkenntnissen forscht, nach Jahren eine neue Frau kennen lernt, ist Charlotte begeistert. Diese Frau ist eine berühmte Opernsängerin – Berlin, nein, Europa, liegt ihr zu Füßen und auch Charlotte ist ihrer Stiefmutter sehr zugetan. Paula, Tochter eines Rabbiners, praktiziert ihren jüdischen Glauben. Für Charlotte ist dies neu: bis dato hat sie sich nicht als Jüdin gefühlt. Auch andere Dinge ändern sich im Hause Salomon. Paula verkehrt in Künstler- und Intellektuellenkreisen und die Abende in der geräumigen Wohnung vergehen mit angeregten Diskussionen. Albert Einstein, Erich Mendelsohn und Albert Schweitzer gehören zu den Gästen.

Auf einer Sommerreise durch Italien mit ihren Großeltern findet Charlotte schließlich ihre Berufung: sie will malen. Nach dem erfolgreich bestandenen Abitur möchte sie sich an der Berliner Akademie der Künste einschreiben. Doch die Zeiten haben sich nicht nur im Hause Salomon geändert – auch die Welt dort draußen ändert sich und als Jüdin muss Charlotte sich gegen allerlei Hindernisse behaupten, um Einlass in diese Institution zu finden. Hier offenbart sich schließlich großes Talent und eine ganz eigene Stimme in ihrem Malstiil, die ihre Förderer am Institut jedoch so still wie möglich halten wollen. Schließlich sollen die Behörden nicht auf diese Jüdin aufmerksam werden. Paula bekommt Auftrittsverbot, Charlottes Vater darf trotz seiner bahnbrechenden medizinischen Erkenntnisse und seiner Vergangenheit als deutscher Feldarzt im ersten Weltkrieg seinen Beruf nicht mehr ausüben.

Schlussendlich wird Charlotte fliehen und in Frankreich stürzt sie sich rauschhaft in Arbeit – ihr ganzes Leben soll Einlass in ihre Bilder finden, begleitet von Anmerkungen zu Liedern, Unterhaltungen und Monologen die sie geprägt haben. Das dabei vollendete Werk „Leben? Oder Theater?“ überlässt sie einem Vertrauten; er verwahrt es für sie und er wird es nach Ende des Krieges an ihre Familie übergeben. Charlotte Salomon selbst erlebt diesen Zeitpunkt nicht mehr.

Charlotte erzählt nicht nur die Geschichte der Künstlerin Charlotte Salomon, die inzwischen der Vergangenheit angehört. Geschickt bringt David Foenkinos auch die heutige Zeit mit unter, indem er von seiner ersten Begegnung mit Salomons Kunst berichtet und von seinen Recherchearbeiten zu dem Roman. Dadurch hebt er einen Aspekt über Salomons Kunst ganz besonders hervor: so kurz ihre Schaffensperiode auch war und so begrenzt ihr Oeuvre dadurch auch geblieben ist, es vermag bis heute zu beeindrucken. Foenkinos war von Werk und Leben der Künstlerin so hingerissen, dass er, so gesteht er ganz offen im Laufe des Romans,trotz jahrelang geführter Notizen wieder und wieder kurz davor stand, den Gedanken an den Roman zu verwerfen:

„Ich schrieb, löschte, kapitulierte.
Ich brachte keine zwei Zeilen  zu Papier.
Nach jedem Satz geriet ich ins Stocken.
Es ging einfach nicht weiter.
Das war körperlich beklemmend.
Ich verspürte beständig das Verlangen, eine neue Zeile zu beginnen.
Um durchatmen zu können.

Irgendwann begriff ich, dass ich das Buch genau so schreiben musste.“

Und es funktioniert. Wer nun fürchtet, bei einer solchen Schreibweise käme kein richtiger Lesefluss auf, der sei hier beruhigt. Die deutsche Übersetzung ist sprachlich so stark, das Thema so spannend, dass es nur wenige Seite braucht um sich der Erzählung vollends hinzugeben und sich mittreiben zu lassen, und je weiter die Geschichte voranschreitet um so dankbarer ist man als Leser für diese Schreibweise  und die Gelegenheit, nach jedem Satz kurz durchzuatmen. Ohne diese Möglichkeit regelmäßiger Atempausen wäre man als Leser überwältigt, ganz besonders als Charlotte, die sich der Tatsache bewusst ist, dass ihr nicht viel Zeit bleibt, ihr autobiographisches Werk zu Papier bringt:

„Man spürt in der zweiten Hälfte von Leben? Oder Theater? eine Getriebenheit…
Die durch Mark und Bein geht.
Malen am Rande des Abgrunds.
Abgeschieden von der Welt, ängstlich und ausgezehrt.
Charlotte vergisst sich selbst und löst sich auf.
Bis ihr Werk vollendet ist.“
Schlussendlich wird sie das Werk einem Vertrauten mit den Worten überlassen, „C’est tout  ma vie“ – „Das ist mein ganzes Leben“ und Foenkinos hat es geschafft, dieses Leben ganz ohne Bilder zwischen zwei Buchdeckeln zu fixieren. Ich hatte zuvor weder von Charlotte Salomon gehört noch bewusst eines ihrer Bilder gesehen, doch für den Genuss dieses Romans ist es unerheblich.

Jetzt stellt sich mir nur die Frage, welches Buch man nach einem derart bewegenden Roman als nächstes zur Hand nehmen kann. Eigentlich keines. Die nächsten Tage werde ich wohl lesepausieren.

Ich danke der DVA für die Bereitstellung des Rezensions-Exemplars.


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