Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

Der kleine Aljechin

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Yoko Ogawa – Schwimmen mit Elefanten bdd40-schwimmen-mit-elefanten-roman-9783746630809_xxl

Der Junge, der später als „Kleiner Aljechin“ bekannt wird, ist ein stilles Kind. Mit seinem jüngeren Bruder lebt er bei den gemeinsamen Großeltern; der Großvater betreibt eine Schreinerwerkstatt. Höhepunkt für beide Jungen sind die Kaufhausbesuche mit der Großmutter. Während der jüngere Bruder gemeinsam mit ihr durch die Etagen bummelt und die unterschiedlichsten Spielzeuge bestaunt (zum Kaufen fehlt das Geld), wartet der Ältere auf dem Dach des Kaufhauses. Der Spielplatz, den es hier gibt, interessiert ihn dabei wesentlich weniger als ein altes Schild, das ihm mitteilt, dass zur Kaufhaus-Eröffnungsfeier vor Jahrzehnten ein junger Elefant auf  dieses Dach transportiert wurde, der sich bei den Kunden so großer Beliebtheit erfreute, dass die Kaufhausleitung ihn länger als zunächst angedacht auf dem Dach beließ. Als man die inzwischen gewachsene Elefantendame schließlich in einen Zoo transportieren wollte, musste man feststellen, dass sie zu groß geworden war und so verbrachte sie den Rest ihres Lebens auf dem Dach des Kaufhauses: „Sie, die eigentlich durch den Dschungel hätte stampfen sollen, schwebte fast ihr ganzes Leben lang zwischen Himmel und Erde.“ Der kleine Junge hat die Elefantendame nie gesehen. Er kennt nur dieses Schild und die alte, rostige Kette, mit der sie befestigt war. Und doch zieht es ihn bei jedem Besuch an diese Stelle und er grübelt über dieses Elefantenschicksal nach, bis seine Großmutter mit seinem Bruder wieder zu ihm stößt.

Das Problem, beschließt der Junge, ist das Wachsen. Wäre der Elefant nicht so stark gewachsen, hätte er das Dach verlassen können. Ein weiteres Mal begegnet ihm das Größerwerden als Problem in der Gestalt des ehemaligen Busfahrers, der ihm in einem ausrangierten Schulbus das Schachspielen beibringt und den der Junge deshalb „Meister“ nennt. Der Meister ist schon nicht dünn, als die beiden sich durch Zufall das erste Mal begegnen. Nachdem er zum Busfahren zu dick geworden ist, hält er das Busdepot instand. Er lebt in einem ausrangierten Schulbus und widmet sich seinen drei großen Leidenschaften: Schach, seiner Katze, und dem Verspeisen von süßem Gebäck. Mit Sorge beobachtet der Junge, wie der Meister immer dicker wird und wie sich sein Leben dadurch immer schwieriger gestaltet. Eigentlich, denkt sich der Junge, dürfte man gar nicht groß werden. Und so stellt er mit elf Jahren das Wachsen ein.

Währenddessen wachsen seine Schachfähigkeiten und die Liebe zu diesem Spiel und zu der Musik und Schönheit, die einem eleganten Schachzug innewohnen. In dem Klub am Grunde des Meeres, einem geheimen Schachclub in einem alten Schwimmbad, wird der Junge schließlich zum Kleinen Aljechin, als er einem Schachautomaten, der in seinem äußeren Erscheinungsbild dem tatsächlichen Schachmeister Alexander Alexandrowitsch Aljechin nachempfunden ist, Leben einhaucht.

Man muss selbst kein Schachtalent, nicht einmal ein Schachliebhaber, sein, um sich mit diesem Buch wohl zufühlen. Die mit Fortschreiten des Romans länger werdenden Notationen von Schachpartien vermögen einen dann nicht zu packen, aber diese kurzen Absätze verblassen neben den Geschehnissen in dieser Geschichte, die Yoko Ogawa beiläufig und leichtfüßig aneinanderreiht und die den Leser schlussendlich mit einem wehmütigen Lächeln zurücklassen. Außer um Schach geht es hier nämlich auch um lebenslange (teils fiktive) Freundschaften und einen kleinen Protagonisten, der sich dank seiner stillen und mitfühlenden Art schnell ins Leserherz katapultiert.

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