Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

Ganz große Lesewonne

Hinterlasse einen Kommentar

Ian McEwan – Sweet Tooth (Honig) 5d8b1-sweet2btooth

Serena Frome ist die Tochter eines anglikanischen Bischofs. Sie wächst behütet auf – Geschehnisse der späten 1960er Jahre finden kaum Einlass in ihre heile Kinder- und Jugendwelt. Sie verschlingt Bücher – wahllos liest sie sowohl hohe Literatur als auch reinsten Schund, und das so schnell, dass sie innerhalb einer Woche eine Handvoll Bücher durchliest. In der Schule ist sie gut – nicht nur in geisteswissenschaftlichen Fächern sondern besonders auch in Mathe. Daher ist ihre Mutter auch nicht begeistert, als Serena beschließt, nach der Schulzeit an einer kleinen, unprätentiösen Uni Literatur zu studieren. Sie drängt die Tochter, Mathe an der Universität Cambridge zu studieren – sozusagen als feministischen Akt. Ende der 1960er Jahre sind schließlich noch weniger Frauen in diesem Studiengang vertreten als heute. Serena lässt sich überreden und muss bald feststellen, dass gute Schulnoten in Mathe noch lange nicht bedeuten, dass man dieses Fach auch erfolgreich in Cambridge studieren kann.

So schlägt sie sich mit wenig Begeisterung durchs Studium – nur die Bücher, die sie in ihrer Freizeit weiterhin verschlingt, bieten ihr etwas Ablenkung an. Kurz bevor sie ihr Studium mit mittelmäßigen Noten beendet, nimmt ihr Leben eine entscheidende Wendung: sie beginnt eine Affäre mit Tony Canning, einem Geschichtsprofessor an der Uni. Canning weckt in der jungen Frau ein Interesse an aktuellen Themen und die gemeinsamen Wochenenden werden nicht nur im Bett verbracht, sondern auch lesend und lernend – zielstrebig bereitet Canning Serena auf eine Karriere im MI5, dem britischen Geheimdienst vor.

Als Serena Frome 1972 in den Dienst des MI5 eintritt und nach einer Weile ihren ersten eigenen Fall erhält, scheint es so, als wäre sie prädestiniert für diese Mission. Ziel ist es, unter dem Deckmantel einer gemeinnützigen Literaturorganisation, schriftstellerische Talente auszuwählen und finanziell zu unterstützen, sodass sie sich ganz dem Schreiben widmen können ohne sich zum Geldverdienen anderweitig verdingen zu müssen. Die Aktion dient einem kulturellen – und hochspannenden – Aspekt des Kalten Krieges, der zu dieser Zeit noch auf dem Höhepunkt ist. Es sollen Intellektuelle gefördert werden, deren politische Sichtweisen mit der Haltung der Staatsmacht übereinstimmen. Natürlich im Geheimen, schließlich ist anzunehmen, dass weder die Intellektuellen noch ihre Leser von einer solchen Förderung angetan wären. Das Problem ist, dass der Schriftsteller, den Serena betreut, jung und sympathisch ist, und auch dass das Buch, das er schlussendlich schreibt so gar nicht mit der offiziellen Linie übereinstimmen will…

Sweet Tooth war eines dieser Bücher, an das ich mich monatelang nicht herangewagt habe, weil es von Kritiken, Bekannten und Verwandten so hochgelobt wurde, dass ich dachte, ich könnte nur enttäuscht werden. Ab der zweiten Seite war klar, dass mich dieses Buch eines Besseren belehren würde. Ab der fünften Seite wollte ich es nicht mehr weglegen, und noch bevor ich die Hälfte erreicht hatte, fühlte ich den Drang, herauszufinden, wie es weiterging während ich mich zeitgleich bremste, um noch so lange wie möglich etwas von diesem Vergnügen zu haben. Die Geschichte fließt angenehm wie warmer Honig dahin, man kommt den Personen schnell näher und die Sprache ist wunderschön. Ganz große Lesewonne.
Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s