Lesemanie

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Pflichtlektüre für jeden Marokko-Reisenden

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Elias Canetti – Die Stimmen von Marrakesch 2543e-marrakesch

1954 besuchte Elias Canetti als Begleiter eines Filmteams Marrakesch. Nach seiner Heimkehr nach London brachte er schließlich verschiedene Eindrücke dieser Reise zu Papier – nicht in Form eines zusammenhängenden Reiseberichtes, sondern er präsentierte dem Leser vielmehr eine Reihe von Begebenheiten und konzentriert sich dabei mal mehr auf die Beschreibung seiner Umgebung, und dann wieder mehr auf die Menschen, die ihm dort begegnen.

Eine Episode, die Marrakesch in der Vorstellungskraft des Lesers besonders lebendig werden lässt, ist das Stück „Die Suks“. Hier ist die Luft „würzig“ und „es ist kühl und farbig“. Begeistert schildert Canetti die Vielfalt der Waren, welche die Händler hier feilbieten und die schiere Masse an Dingen, die dem vorbeigehenden Passanten hier präsentiert werden, und er hält fest: „In einer Gesellschaft, die so viel Verborgenes hat, die das Innere ihrer Häuser, Gestalt und Gesicht ihrer Frauen und selbst ihre Gotteshäuser vor Fremden eifersüchtig verbirgt, ist diese gesteigerte Offenheit dessen, was erzeugt und verkauft wird, doppelt anziehend.“

Manchen Impressionen widmet Canetti zehn Seiten, andere knappe zwei, und doch kommt keine Episode zu kurz. Dabei beschreibt er ohne groß auszuschweifen und doch so detailliert und klar, dass man das Erlebte nachvollziehen kann, ganz egal ob man nun schon einmal selbst in Marrakesch war oder nicht. Und auch wer jetzt, sechzig Jahre nach Canettis Erfahrungen durch Marrakesch streift und schlendert, findet zwar eine teils veränderte Stadt vor, doch kann man sich jede Szene mühelos in den Gassen und auf den Plätzen vergegenwärtigen. Und immer wieder stolpert man auch im heutigen Marrakesch noch über Szenen, die Canetti genau so beschrieben hat und ertappt sich teils bei den selben Empfindungen die er in seinen Stimmen von Marrakesch geschildert hat. So erging es mir beispielsweise bei den Geschichtenerzählern, die auch heute noch nach Einbruch der Dunkelheit auf dem Hauptplatz der Stadt, dem Djemaa el-Fna, ihre Künste darbieten:

„Am meisten Zulauf haben die Erzähler. Um sie bilden sich die dichtesten und auch die beständigsten Kreise von Menschen. Ihre Darbietungen dauern lange, in einem inneren Ringe hocken sich die Zuhörer auf dem Boden nieder und sie erheben sich nicht so bald wieder. Andere bilden stehend einen äußeren Ring; auch sie bewegen sich kaum, sie hängen fasziniert an Worten und Gesten des Erzählers […] Ich verstand nichts und doch blieb ich in ihrer Hörweite immer gleich gebannt stehen. Es waren Worte ohne Bedeutung für mich, mit Wucht und Feuer hervorgestoßen: Sie waren dem Manne kostbar, der sie sagte, er war stolz auf sie.“

Wer Marokko bereist, sollte sich den Band mitnehmen (mit weniger als 100 Seiten passt er ganz bequem ins Handgepäck), aber auch auf der heimischen Couch lässt sich damit Fernweh kurieren.

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