Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

„Wie ein gescheiterter Schüler“

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Leïla Abouzeïd – Eine Verstoßene geht ihren Weg

Zahra ist Mitte Vierzig, als ihr Ehemann ihr eröffnet: „Ich werde dir deine Papiere zukommen lassen, mit dem, was das Gesetz vorsieht.“ Er verstößt sie also, nach mehr als zwanzig Ehejahren, was sie zwingt, ein komfortables Leben hinter sich zu lassen und –alleinstehend und kinderlos – in das Dorf zurückzukehren in dem sie aufgewachsen ist. Hier, im Haus ihrer inzwischen verstorbenen Eltern, gibt es noch ein Zimmer, das ihr gehört. Sie kündigt der Mieterin und zieht nun selbst dort ein. Sie hat Angst und ist ratlos – was soll sie nun tun? Wie kann sie über die Runden kommen? Sie stellt sich einer bitteren Erkenntnis: „Ich bin wie ein gescheiterter Schüler, der nach langen Jahren des Lernens schmählich von der Schule verwiesen wird.“

Die Geschichte spielt auf zwei Zeitebenen – da ist das Jetzt (1950er/60er Jahre), in dem Zahra sich alleine zurechtfinden muss, in dem sie beginnen muss, Geld zu verdienen und ihr eigenes Leben zu leiten. Und dann ist da die Vergangenheit. Zahra erinnert sich an ihre Ehe: das erste Jahr im Haus der Schwiegereltern, das sie 12 Monate lang nicht verlassen hat. Der Umzug mit dem Ehemann nach Casablanca und der Kampf für Unabhängigkeit von den Franzosen, die Marokko zu ihrem Protektorat gemacht haben. Zahra und ihr Mann bekommen keine gemeinsamen Kinder, aber sie fühlen sich vereint in dem Wunsch, ihr Land von der ungeliebten Kolonialmacht zu befreien. So schmuggelt Zahra Waffen durchs Land, besucht ihren Mann im Gefängnis und bewahrt andere Freiheitskämpfer vor Haftstrafen. Umso fassungsloser ist sie, als ihr Mann ihr nach diesem gemeinsamen Kampf die Tür weist. Marokko hat inzwischen seine Unabhängigkeit wiedererlangt und Zahras Mann hat einen wichtigen Posten in der neuen Regierung erhalten. Sie isst weiterhin mit der Hand und trägt traditionelle Kleidung und das stört ihn: „Ich begriff, dass er die Wonnen des Wandels so nicht genießen konnte – er brauchte eine neue Frau im vollen Sinne des Wortes“.

Leïla Abouzeïd hat mit diesem Buch ein spannendes Bild der marokkanischen Gesellschaft während und nach der Unabhängigkeitsbewegung in den 1950er Jahren geschaffen. Dabei konzentriert sie sich besonders auf das Schicksal der Frauen, die diese Bewegung maßgeblich mit geformt haben, doch die von den mit der Unabhängigkeit einhergehenden Veränderungen kaum profitiert haben. Erst mit dem aktuellen marokkanischen König, Mohammed VI., der seit 1999 auf dem Thron sitzt, zeichnen sich Veränderungen ab. So ist unter ihm ein liberales Familienrecht eingeführt worden, das den Frauen mehr Rechte zusichert und eine Verstoßung, wie sie in diesem Buch geschildert wird, unmöglich machen soll. Abouzeïd hält sich wenig mit Erklärungen und Hintergrundinformationen auf. Ein wenig wird im Nachwort durch die Verlegerin erläutert, doch um Zahras Geschichte voll würdigen zu können empfehle ich ein wenig eigene Recherche von Seiten des jeweiligen Lesers. Wer sich ein wenig in der marokkanischen Geschichte oder auch im Land selbst auskennt, sollte diesem Buch jedoch auch ohne das viel abgewinnen können.

Übrigens: In den USA hat es dieses Buch zum Bestseller geschafft.

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