Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

Der Tod des Dschingis Khan

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cc63a-tschniagGalsan Tschinag – Die neun Träume des Dschingis Khan

Dschingis Khan liegt im Sterben. Er – der Reiterfürst!  – ist bei einem Jagdausflug vom Pferd gestürzt und liegt seitdem in seiner Jurte. Während seine Kämpfer verbittert versuchen, den aktuellen Feldzug zu einem siegreichen Ende zu führen, dämmert ihr Khan vor sich hin und hadert mit seinem Schicksal: „musste das sein, dass der Körper, der sich noch am Morgen gesund und munter in den Sattel geschwungen, nun flach liegt wie ein gefällter Baum?“

Das Buch ist in neun Kapitel unterteilt, und jedes Kapitel beschreibt einen Traum, den der verletzte Heerführer in seiner Jurte träumt (neun ist auch die heilige Zahl der Nomaden, diese Nummer ist also nicht ganz zufällig gewählt). In seinen Träumen lässt er sein Leben Revue passieren. Er erinnert sich an seine Kindheit, an die Mutter, die ihrem ersten Mann geraubt wurde, dem zweiten dann Dschingis Khan gebar, der ihn schlussendlich töten würde.

Er denkt an seine Frauen, die er von seinen zahlreichen siegreichen Schlachten und Feldzügen mitgenommen hat. Eine dieser Ehefrauen  – die Khatun Jessüi – hat ihn auf diesem Feldzug begleitet. Vor Jahrzehnten hat der Khan ihren Ehemann vor ihren Augen köpfen lassen und daraufhin sie und ihre Schwester geehelicht. In seinem Fieberwahn ist er nun auf einmal verunsichert, ob Jessüi ihm doch nicht treu ergeben ist, sondern vielleicht innerlich darüber jubiliert, ihn so liegen zu sehen, ob dies nun endlich die Rache ist, auf die sie Jahrzehnte lang gehofft hat.

 

Dann schiebt er diese Gedanken beiseite und denkt an seine Kampfgefährten und die Schlachten, die sie gemeinsam geschlagen haben. Dabei erinnert er sich an die Zeiten bevor er der ozeangleiche Dschingis Khan war, als er noch einfach Temüdschin hieß, als sein Gefolge noch klein und die Erfolge hart waren.

 

Galsan Tschinag bedient sich einer erhabenen Sprache mit einem Schuss Pathos und wenig Erklärungen. Bestimmte Gebräuche und Gepflogenheiten der Mongolen erschließen sich einfach während des Lesens. Man muss sich auf die Erzählung einlassen und dann sieht man den gealterten und gestürzten Khan vor sich, wie er in einem Zelt auf seinem Lager liegt und vor sich hindöst. Wie beiläufig Tschinag dies gelingt, ist grandios.

 

Zum Autor: Eigentlich füge ich meinen Rezensionen selten viel über den jeweiligen Autor hinzu, aber in diesem Falle ist das Leben von Galsan Tschinag so interessant, dass ich eine Ausnahme machen muss. Mitte der vierziger Jahre wurde Tschinag als jüngster Sohn einer westmongolischen Nomadenfamilie geboren. Er ist Stammesoberhaupt der Tuwa, einer ethnischen Minderheit in der Mongolei. In den 1960er Jahren studierte er Germanistik in Leipzig und schreibt seitdem auf Deutsch. Als freier Schriftsteller lebt er hauptsächlich in Ulan Bator, verbringt jedoch auch jedes Jahr einige Monate als Nomade mit seiner Sippe im Altaigebirge. Er sieht sich als „Mittler zwischen den Kulturen“. [1]

 

Übrigens: Ein mindestens ebenso packender Roman rund um die Lebenserinnerungen eines großen Herrschers auf seinem Sterbebett ist „Ich zähmte die Wölfin“ von MargueriteYourcenar. Das Buch handelt von dem römischen Kaiser Hadrian.


[1] Informationen zum Autor sind dem Klappentext entnommen.
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