Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

Wenn Männer über Frauen und Frauen über Männer schreiben…

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Ich kenne Frauen, die lesen prinzipiell keine Bücher männlicher Autoren mit weiblichen Hauptfiguren, weil sie argumentieren, dass kein Mann sich zufriedenstellend in eine weibliche Figur hineinversetzen kann. Zeitgleich gibt es Männer, die prinzipiell um von Frauen geschriebene Bücher einen Bogen machen, oder zumindest befürchten das einige Verlage. Man erinnere sich nur daran, wie die ersten Harry-Potter-Bände nicht Joanne K. Rowling als Autorin auswiesen, sondern lediglich eine gewisse „J.K.Rowling“, sodass es auch sein könnte, dass die Bücher aus der Feder eines männlichen Autoren stammten.

Letztes Jahr schrieb Michele Willens für The Atlantic ein interessantes Stück über die Debatte, ob Schriftsteller/innen glaubwürdige Charaktere des jeweils anderen Geschlechts schaffen können. In ihrem Artikel zitiert Willens Schriftsteller/innen, Psychologen/innen und Kollegen/innen, und sie bietet eine Reihe an Positiv- und Negativbeispielen an. Größtenteils konzentriert Willens sich auf Werke des 20. und 19. Jahrhunderts. Jonathan Franzen und Jeffrey Eugenides werden als Beispiele aufgeführt, deren weibliche Charaktere flach und einseitig angelegt sind, während Tolstois Anna Karenina als positives Beispiel angeführt wird. Ich muss gestehen, dass ich um Franzen bis jetzt einen großen Bogen gemacht habe, doch von The Marriage Plot von Jeffery Eugenides war ich begeistert und an der weiblichen Hauptperson hat mich nichts, oder nur sehr wenig, gestört.

Allerdings muss ich zugeben, dass ich wesentlich begeisterter von den Frauen bin, die T.C. Boyle in seinen Werken auftreten lässt. Bei einer Veranstaltung der LitCologne im September 2013 wurde Boyle danach gefragt, wie es ihm gelinge, so überzeugend aus Frauensicht zu schreiben. Er trage, so Boyle mit leichter Ironie, Frauenkleider während des Schreibens und fühle sich dann gleich ganz anders. Das Ergebnis lässt sich meiner Meinung nach durchaus sehen – jedem, der es noch nicht gelesen hat, möchte ich San Miguel ans Herz legen.  Das Buch überzeugt mit melodischer Sprache und starken (weiblichen und männlichen) Charakteren. Boyles Erklärung, wie er sich in seine weiblichen Charaktere hineinversetzt, gefiel mir natürlich auch viel besser als die von Jack Nicholson in As Good as it Gets. Nicholson spielt in dem Film einen Schriftsteller namens Melvin Udall, der auf die Frage, wie er seine Frauencharaktere so überzeugend hinbekommt, antwortet: „I think of a man and I take away the reason and the accountability“…

Ein weiteres Buch, das in dem Artikel von Willens nicht vorkommt, das bei diesem Thema jedoch in meinen Augen auf jeden Fall Erwähnung finden sollte, ist The Easter Parade von Richard Yates. Das Buch handelt von zwei Schwestern und es gab nicht einen Augenblick, in dem ich das Gefühl hatte, der Mann Yates wäre den beiden Frauen nicht gerecht geworden.
Und wenn Frauen über Männer schreiben? Das passiert inzwischen häufiger. Willens führt als aktuelles gelungenes Beispiel Gone Girl von Gillian Flynn an. Flynn wechselt zwischen verschiedenen Perspektiven hin und her, zwischen Amy und ihrem Mann Nick, und sie vermag es tatsächlich, beiden eine eigene Stimme und Motivation zu verleihen. 

Aber sollte man wirklich Geschlechter-Diskussionen mit einfließen lassen wenn es darum geht zu entscheiden, ob eine literarische Figur glaubwürdig angelegt ist oder nicht? Schließlich gibt es auch oft genug männliche Charaktere in Büchern männlicher Autoren (und weibliche Charaktere in Büchern weiblicher Autoren), die einfach nicht voll ausgereift sind. Ich denke, eine/n gute/n Schriftsteller/in zeichnet in vielerlei Hinsicht die Gabe aus, sich in andere Menschen – egal welchen Geschlechts – hineinzuversetzen. EMPATHIE lautet das Zauberwort. Jede/r Autor/in, dem/der dies fehlt, wird entweder immer Geschichten mit unglaubwürdigen Personen schreiben, oder aber immer dieselbe Person in seinen/ihren Büchern auftreten lassen, die mehr ein Abbild des Autors / der Autorin ist als alles andere – ob männlich oder weiblich ist dabei völlig gleichgültig. Wer seine Buchwahl vom Geschlecht des Autors abhängig macht, hat den schönsten Aspekt des Lesens nicht verstanden: man kann nicht nur in andere Welten und Epochen eintauchen, sondern auch in Menschen anderer Überzeugungen und mit anderen Neigungen, Menschen unterschiedlicher Religionen und sexueller Orientierung, Menschen mit verschiedenen Zielen, Ängsten, Stärken und Schwächen. Und eben auch Menschen anderen Geschlechts als man selbst. Empathie macht eben nicht nur den guten Schriftsteller, sondern auch den guten Leser aus.

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