Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

Paul Roberts: The End of Food (nicht auf deutsch erhältlich)

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Dass die industrielle Nahrungsproduktion nicht sehr nachhaltig ist, wissen inzwischen die Meisten, die ein Fünkchen Interesse an Ernährungsfragen haben. Aber selbst vielen von denjenigen, die etwas mehr Geld für das Biogemüse oder die lokal hergestellten Eier auszugeben bereit sind, ist vielleicht nicht völlig klar, welche unterschiedlichsten Faktoren in der modernen Nahrungserzeugung eine Rolle spielen (bei mir, zum Beispiel, war das so). Das erklärt Paul Roberts in diesem Buch anschaulich und abwechslungsreich.

Dabei konzentriert er sich hauptsächlich auf das 20. Jahrhundert, scheut aber auch nicht davor zurück, weiter auszuholen und beispielsweise Jägern und Sammlern etwas Platz einzuräumen. Auch geographisch deckt er eine Menge ab: Entwicklungs- und Schwellenländer finden hier ebenso einen Platz wie die großen Industrienationen. Hierbei ist jedoch bei der Lektüre zu beachten, dass er sich zum Großteil auf die USA konzentriert und weniger auf europäische Länder. Einige der angesprochenen Missstände treffen also beispielsweise nicht auf europäische / deutsche Nahrungsmittel zu, andere allerdings schon. Wer hier einen differenzierten Überblick bekommen möchte, muss ein wenig Eigenrecherche betreiben. Das ist aber nicht wirklich notwendig um dem Buch einiges abzugewinnen. Roberts ist schließlich weniger an länderspezifischen Problemen interessiert, sondern vielmehr am „Großen Ganzen“ und daran, wie alles in der Nahrungsmittelindustrie auch hinter den Kulissen zusammenhängt.

So widmet er beispielsweise einige Seiten der drohenden Wasserknappheit, welche für die Versorgungssicherheit mit Nahrungsmitteln abträglicher ist als der Klimawandel:

„just to produce the extra grain the world is forecasted to need by 2050 will require us to somehow come up with as much as a trillion tons of additional water- a challenge that may simply exceed our technical, political, and physical capabilities“.

 

Zugleich nimmt Roberts verschiedene Farmmethoden unter die Lupe – wie nachhaltig ist “Bio”? Was zählt überhaupt als „Bio“, und ist es wirklich so einfach, dass wir einfach lokal produziertes Essen kaufen müssen um guten Gewissens sagen zu können, dass wir unseren Teil tun? Hier bringt Roberts ein interessantes Beispiel aus Großbritannien. Auf Kritik, dass viele Fleisch- und Milchprodukte aus Neuseeland importiert wurden, fand eine universitäre Studie heraus, dass die Zucht neuseeländischer Schafe aufgrund anderer Fütterungsmethoden einen so viel geringeren Einfluss auf den Klimawandel hat, dass selbst unter Berücksichtigung des Transports von Neuseeland nach Großbritannien, der Einfluss auf das Klima bis zu 75% geringer ist als der von britischen Schafen. Daraus folgt laut Roberts: „most strategies for reforming the food system rely heavily on thinking consumers“. Zu den Gedanken, die sich der Nahrungsmittelkonsument bestenfalls Machen sollte zählt auch die Erkenntnis, dass Haushaltskosten nicht durch den Erwerb billigster Lebensmittel heruntergefahren werden sollten: „if a chicken costs only a dollar, it’s probably not a chicken“.

Die Vielzahl an Aspekten und Denkansätzen mag verunsichernd wirken, aber ich hatte nicht den Eindruck, dass Roberts tatsächlich davon ausgeht, dass jeder Leser von nun an seinen Lebensmittelkonsum dermaßen radikal umstellt um allen von ihm angesprochenen Umständen gerecht zu werden. Mehrmals stellt er auch klar, dass zunächst ein Umdenken in der Politik erfolgen müsste (was besonders in den USA ein sehr langwieriger Prozess sein dürfte. Dies wird nach Roberts‘ Erläuterungen zu den Lobby-Firmen der US-amerikanischen Agrarindustrie deutlich). Vielmehr scheint ihm daran gelegen zu sein, einen Diskurs zum Thema anzustoßen und das gelingt ihm auf jeden Fall sehr gut.

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