Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

Eine faszinierende Hauptperson vor vielfältiger Kulisse

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f7e7e-signatureElizabeth Gilbert – The Signatur of All Things (Das Wesen der Dinge und der Liebe)

Alma Whittaker hat eine ungewöhnliche Kindheit. Geboren im Jahr 1800 in einem feudalen Herrenhaus, das die aufstrebende Stadt Philadelphia überblickt, führen ihre Eltern sie schon früh an wissenschaftliche Fragen heran. Almas Vater, Henry Whittaker ist führender Botanik-Händler seiner Zeit, und verdient den Großteil seines beeindruckenden Vermögens mit dem Export von Heilpflanzen. Die Mutter Beatrix kann neben ihrem fundierten Botanik-Wissen auch noch mit einer klassischen humanistischen Ausbildung aufwarten, und sie übernimmt auch den Unterricht der Tochter. Noch bevor Alma vier Jahre alt ist, kann sie in vier Sprachen zählen. Im Alter von vier Jahren lernt sie Latein, nach ihrem fünften Geburtstag führt die Mutter sie auch an Altgriechisch heran. Einwände der Haushälterin, dass Frauen so viel Wissen nicht gut bekommen kann, wischt sie beiseite:

„At no moment in history has a bright young girl with plenty of food and a good constitution perished from too much learning.“


Alma saugt Wissen in sich auf wie ein Schwamm, und während ihre Adoptivschwester Prudence Dinner-Gäste des Hauses mit ihrer umwerfenden Schönheit besticht, nimmt Alma – groß, schwer und mit platten Gesichtszügen – enthusiastisch an Tischdiskussionen teil und behauptet sich durch ihr fundiertes Wissen auf den verschiedensten Gebieten.

Mit der Tatsache, dass sie – trotz ihrer beeindruckenden Mitgift – keinen Ehemann findet, findet sie sich ab. Sie erforscht weiter die natürliche Pflanzenwelt Pennsylvanias und die exotischen Gewächse in den Glashäusern ihres Vaters. Nach dem Tod der Mutter übernimmt sie die Geschäftskorrespondenz von Henry und immer mehr auch die Geschäftsleitung von seinen vielen verschiedenen Unternehmungen. Nebenher verfolgt sie die neuesten Entwicklungen in der Naturwissenschaft, denn dieses frühe 19. Jahrhundert sprüht nur so von neuen Entdeckungen in und Herangehensweisen an die Naturwissenschaft:

 

„Only recently, the word scientist had been coined, by the polymath William Whewell. Many scholars objected to this blunt new term, as it sounded so sinisterly similar to that awful word atheist; why not simply continue to call themselves natural philosophers? […] But divisions were being drawn now between the realm of nature and the realm of philosophy.“


Alma selbst spezialisiert sich auf verschiedene Moosarten, ein  Thema zu dem sie sogar als Frau wissenschaftlich publiziert. Und so könnte ihr Leben eigentlich in ruhigen Bahnen weiterverlaufen – als Geschäftsführerin des Vaters und Hobby-Biologin. Doch nicht nur die Naturwissenschaft zieht im 19. Jahrhundert immer mehr Menschen in ihren Bann; viele Zeitgenossen wenden sich mystischen Erfahrungen zu. Einer von ihnen ist Ambrose Pike, der in der Schönheit der Natur auf ein Zeichen Gottes zu stoßen hofft.


Solche Gedanken sind der pragmatischen und logischdenkenden Alma nur schwer zugänglich, und doch fühlt sie sich zu dem mehr als 20 Jahre jüngeren Mann hingezogen – und er sich zu ihr, so scheint es. Die schicksalhafte Begegnung mit Ambrose Pike bringt für Alma einen neuen Lebensabschnitt ins Rollen, der sie schlussendlich im Alter von 51 Jahren dazu veranlassen wird, zum ersten Mal ihr Elternhaus und die USA hinter sich zu lassen, die Welt zu erkunden und sich selbst neu zu finden.


Elizabeth Gilbert hat eine tolle Heldin geschaffen, die sich schrittweise neu findet und eine ganze Weile braucht, um bei sich anzukommen. Ihr dabei zuzusehen, macht Spaß, auch wenn zeitweise Tränen vergossen werden müssen. Nicht nur die Entwicklung Almas ist spannend, die Rahmenhandlung ist es auch. Während Alma sich hauptsächlich mit Naturwissenschaften und teilweise mit potentiellen Schnittstellen zur Mystik beschäftigt, ist die Schwester nämlich überzeugte Abolotionistin, und das Dilemma der Sklavenhaltung, das die USA im 19. Jahrhundert zusehends spaltet nimmt zwar eine kleine, aber dennoch hochinteressante Rolle ein. Diese Mischung aus wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Phänomenen des 19. Jahrhunderts bildet eine Kulisse, die sich zwar nicht in den Vordergrund drängt, die aber durchaus einiges an Aufmerksamkeit verdient.


Übrigens: Charles Darwin und Alfred Russel Wallace spielen ebenfalls eine Rolle in dem Roman. Wer danach Lust hat, mehr über Wallace zu erfahren, dessen Namen neben dem von Darwin oft verblasst, dem sei https://lesemanie.com/2013/06/15/archipelende/ ans Herz gelegt, eine toll geschriebene Biographie über den Mann.

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