Lesemanie

Gedankennahrung für Büchernarren

Vielschichtig und berührend

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Marie Ndiaye – Ladivine

Einmal im Monat wird Ladivine Silla von ihrer Tochter Malinka in Bordeaux besucht. Dabei gibt es eine ungeschriebene, eiserne Regel, die zu beachten ist: Malinka will keinerlei Auskunft über ihr Leben geben. Und so ahnt Ladivine Silla vielleicht, dass Malinka inzwischen Mutter eines Kindes ist, aber ganz sicher kann sie sich nicht sein, denn Malinka hat es ihr gegenüber nie angesprochen und Ladivine wird diese Tochter, die den Namen Ladivine Rivière trägt, nie kennenlernen.  Vielleicht ahnt sie auch, dass ihre Tochter in ihrem Leben, das nicht in Bordeaux stattfindet, eine andere ist. Inwiefern dem so ist, das kann sie nicht wissen.

Malinka Silla heißt in ihrem anderen Leben Clarisse Rivière, und weder ihr Mann Richard noch ihre Tochter noch sonst irgendjemand kennt sie unter dem Namen Malinka. Niemand weiß, dass diese schmale Frau mit dem blassen Gesicht eine Mutter in Bordeaux hat, die als Putzfrau ein wenig Geld verdient, das sie in den Kauf kleiner Nippesfiguren und die Miete einer winzigen Wohnung steckt. Und dass diese Mutter mit der Tochter aus Afrika hergekommen ist, das kann sich erst recht niemand denken, hat doch Malinka/Clarisse die helle Haut und dunkelbraunen Haare des Vaters geerbt, der – vielleicht auf einer Geschäftsreise, man weiß es nicht so genau – mit Ladivine ein Kind gezeugt hat.

Jahrelang hat Malinka als kleines Mädchen geglaubt und gehofft, der Vater käme in die schäbigen zwei Zimmer, die sie mit ihrer Mutter bewohnt. Jahrelang hat sie gedacht, der Vater wisse, dass die Mutter ihm nach Frankeich gefolgt ist und müsste nun jeden Moment vor ihrer Tür stehen. Das geschieht jedoch nie; stattdessen erfährt die kleine Malinka wie Menschen ihrer Mutter mit der dunklen Haut ganz anders begegnen als der hellhäutigen Tochter. In der Grundschule verleugnet sie ihre Mutter zum ersten Mal, als eine Mitschülerin sie angeekelt fragt, ob diese schwarze Frau dort ihre Mutter sei. „Das ist meine Dienerin“, erwidert sie und sonnt sich in dem bewundernden Blick des anderen Mädchens. Fortan denkt sie an ihre Mutter als „die Dienerin“ während sie selbst „die Prinzessin“ ist. Sobald sie kann, verlässt sie die Mutter und beginnt, unter dem Namen Clarisse zu kellnern. Eines Tages lernt sie in dem Restaurant in dem sie arbeitet, Richard Rivière kennen. Es ist Liebe auf den ersten Blick – mit diesem Mann will sie den Rest ihres Lebens verbringen. Die Wahrheit über ihre Mutter und ihre Herkunft will sie ihm dennoch nicht verraten und ihre tiefe Scham und die Schuldgefühle, unter denen sie deswegen vermehrt leidet, versucht sie unter einer makellosen Maske ehelicher Unterwerfung und Genügsamkeit zu verbergen. Nach einigen Jahren muss sie einsehen, dass das nicht reicht; Mann und Tochter sind ihr fremd und beide zieht es bald fort von ihr. Richard wird als Autoverkäufer immer erfolgreicher und wohlhabender, Ladivine findet in Berlin die große Liebe und gründet dort eine Familie. Und Clarisse wird monatlich zu Malinka wenn sie ihre Mutter in Bordeaux besucht. Bis ein schrecklicher Vorfall alles verändert.

Marie NDiaye hat ein vielschichtiges und berührendes Buch geschrieben, das mit einer Vielzahl von Themen aufwartet: dem alltäglichen Rassismus in Frankreich, der komplizierten Beziehung zwischen Müttern und Töchtern und den Schwierigkeiten der Liebe. Und das tut sie furios – gebannt liest man sich durch Malinkas Kindheitserinnerungen und später durch Clarisses Leben, der man abwechselnd Mitleid und Verachtung entgegenbringen möchte. Es ist klar: mit Malinka/Clarisse hat NDiaye sich viel Mühe gegeben um eine glaubwürdige und vielschichtige Protagonistin zu schaffen, und das ist ihr gelungen. Wie weichgezeichnet wirkt dagegen die Person ihrer Tochter Ladivine, um die sich die zweite Hälfte des Buches zu einem Großteil dreht. Dieser Eindruck wird durch die Tatsache verstärkt, dass die Erzählung immer mehr aus realistischen Sphären ins Phantastische abdriftet. Besonders das letzte Drittel fordert dem Leser daher eine ungeheure Konzentration ab, und zum Schluss hin leider einen recht langen Atem. Das ist schade, hat doch die Grundproblematik, Malinkas Verweigerung ihrer Identität und ihrer selbst, so viel Potential, das die halluzinativen Verschnörkelungen und das langatmige Ende gar nicht nötig sind. Die spannenden philosophischen und psychologischen Fragen die eben diese Grundthematik aufwirft machen das Buch jedoch trotz des schwachen und leicht enttäuschenden Endes zu einem starken Leseerlebnis.

Wer sich selbst ein Bild machen möchte, dem sei die Leseprobe auf der Titeldetailseite des Suhrkamp Verlages empfohlen. Des Weiteren möchte ich dem Suhrkamp Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars danken.

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